Die drei Orgeln der Friedenskirche

Die drei Orgeln der Friedenskirche

Im Bereich der Orgelmusik markieren die drei verschiedenen Instrumente ihre jeweils eigene Epoche in der inzwischen über 100-jährigen Geschichte der Friedenskirche:

  1. Walcker-Orgel: In der an Pfingesten 1908 geweihten Kirche wurde eine zweimanualige Orgel errichtet. Über diese erste Orgel mit 24 Registern ist wenig bekannt. Als Baujahr wird 1907 im Walcker-Opus-Verzeichnis (Nummer 1373) angeben, im Zweiten Weltkrieg ausgelagert, wurde diese ab 1948 wieder genutzt.
  2. Euler-Orgel: Ab 1954 ersetzte ein ebenfalls zweimanualiges Instrument die unter Kriegseinwirkungen stark gelittene nun 46 Jahre alte Walcker-Orgel. Die Euler Orgel wurde 1958 um ein drittes Manual ergänzt (Rückpositiv).
  3. Bosch-Orgel: Die 1992 geweihte dreimanualige Orgel löste das kleinere 38 Jahre genutzte Vorgänger-Instrument ab, welches sich in einem „beklagenswerten Zustand“ befindet.

25 Jahre erklang die Bosch-Orgel als zweitgrößte Kasseler Kirchenorgel. Eine solche Orgel hat ihren Preis: 629 473 Mark und 80 Pfennige – so ist es protestantisch-transparent im Geleit der Orgelfestschrift nachzulesen. Stilistisch stellt sie eine Erweiterung des regionalen Orgelspektrums dar, da sie für die französisch-romantischen Orgelmusik gebaut wurde. Mit der Einweihung der neuen Rieger-Orgel in St. Martin (Kosten: 2,5 Millionen Euro) ist die Bosch-Orgel der Friedenskirche jetzt Kassels drittgrößtes Kircheninstrument.

Der nachfolgende, gekürzte Text aus der Festschrift ‚100 Jahre Friedenskirche‘ stammt von Juergen Bonn, seit 1989 Friedenskirchenkantor. Bis zu seiner Rente war er hauptberuflich als Lektor für Orgelmusik beim Bärenreiter Verlag tätig.

Die Orgeln der Friedenskirche

In der am 4. Juni 1908, Pfingsten, eingeweihten Friedenskirche im neugegründeten „Hohenzollernviertel“ wurde ein zweimanualiges Instrument der Orgelbauwerkstätte Walcker mit vermutlich deutsch-romantischem Klangspektrum (vergleiche die Walcker-Orgel der Lutherkirche zu Wiesbaden) und vermutlich pneumatischer Traktur errichtet. Eine Disposition des Instruments liegt dem Verfasser leider nicht vor. Im Vergleich zur gegenwärtigen Bosch-Orgel war das Instrument räumlich weiter zurückversetzt. Der zeittypische Prospekt zeigt eine mittig asymmetrisch und elliptisch gerundete Anordnung von Prinzipal- und, vor diesen angeordnet, weiteren Labialpfeifen vermutlich des Oberwerks. Sämtliche Prospektpfeifen stehen frei, wurden also nicht in ein geschlossenes Gehäuse gesetzt, jedoch seitlich begrenzt von zwei optisch präsenten Pedaltürmen. Der Spieltisch war mittig direkt mit dem Gehäuse verbunden.

Zur damaligen „Orgel- und Sängerempore“ schreibt Ernst Wittekindt1): „Dem Eingang gegenüber ist hinter dem Altar auf niedriger Empore ein Raum für 120 Sänger geschaffen und dahinter die Orgel aufgestellt. Hauptkirchenraum, Orgel und Sängerempore sind durch massive Gewölbe auf Sandsteinrippen überspannt. Die … ganze Anordnung des Innenraums lässt aber schon jetzt erkennen, dass dieser eine gute Akustik und infolge der Stellung von Orgel- und Sängerempore sich zu geistlichen Konzerten im besonderen Maße eignen wird.“ In diesem Kontext erwähnt Wittekindt eine Ostempore, auf der „136 Sitzplätze vorhanden sind“. Ein akustisches Gutachten des Instituts für Schall- und Wärmeschutz (Dr. W. Zeller, Essen) vom 17.12.1962 über die Raumakustik der Friedenskirche belegt, dass in einigen Frequenzbereichen bei leerem Kirchraum ein Nachhall von bis zu 4,5 Sekunden entstand.

Das Foto zeigt den Altarraum der Friedenskirche mit der Walcker-Orgel ab 1908.

Nach Beseitigung der Kriegsschäden fanden ab dem Erntedankgottesdient 1947 wieder Gottesdienste in der Friedenskirche statt. Die nach Göttingen ausgelagerte Walcker-Orgel wurde Anfang 1948 auf der Westempore erstellt und zum Konfirmationssonntag 1948 erstmalig wieder gespielt, hatte jedoch unter Kriegseinwirkungen stark gelitten.

Im Jahre 1954 wurde eine neue Orgel der Orgelbauwerkstätte Conrad Euler, Hofgeismar erbaut. Für den Wechsel des bisherigen Standortes auf die ursprüngliche Ostempore wurden folgende Gründe genannt2):

  • Temperatur- und Feuchtigkeitsschwankungen (Kondensfeuchtigkeit) im Chorraum
  • Der Raum reichte nach damaligen Vorstellungen nicht für eine geplante Vergrößerung der Orgel.
  • Die Westempore war räumlich nicht zur Aufstellung eines größeren Chores geeignet.

Charakteristisch für den Orgelprospekt ist ein markanter Mittelturm (ursprünglich mit Zinkpfeifen besetzt), daneben die asymmetrisch ausladende Schweifung mit zwei Prospektpfeifenreihen. Die Prospektpfeifen stehen nicht in einem geschlossenen Gehäuse, es fehlen Pedaltürme. Größere Schwelljalousien wurden im unteren Teil des Gehäuses hinter den Zierstäben platziert. Das Instrument wurde erstmals in der Christvesper des Jahres 1954 vom damaligen Organisten Herrn Georg Raßner gespielt. Die Disposition der ursprünglich zweimanualigen Orgel (1600 Pfeifen) lautete wie folgt3):

Die Euler-Orgel mit dem Rückpositiv im ursprünglichen Zustand auf der alten Ostempore

Elektrische Traktur (Gleichstrom, Spannung 12 Volt), elektropneumatische Kegelladen. 2 freie Kombinationen
Spielhilfen: Tutti, Auslöser, Jalousieschweller Aufgrund der elektrischen Traktur ist der Spieltisch fahrbar und daher variabel platzierbar.

Im November 1958 erfolgte eine Erweiterung der Orgel um ein drittes Manual (Rückpositiv). Die Disposition lautet wie folgt4):


 

 

 

Bereits im Jahre 1969 erfolgte eine Erneuerung am Pfeifenwerk: In den beiden großen Seitenfeldern des Prospekts wurde im Hauptwerk der Principal 8’ von C – f1 in Zinn ausgeführt, Holzgedackt 8’ als Prospektregister im Rückpositiv neu in Zinn geliefert, eine Spitzflöte 4’ im Schwellwerk und ein weitmensuriertes Metallgedackt 8’ mit neuen Pfeifen der tiefen Oktave. Zudem erfolgte im Hauptwerk eine Erneuerung der Rohrflöte 8’ in den beiden tiefen Oktaven.5)

Im Jahre 1988 beschloss der Kirchenvorstand der Gemeinde den Bau einer neuen Orgel, die am Ort der früheren Walcker-Orgel auf der ehemaligen Westempore errichtet wurde. Am 28.03.1991 wurde der Vertrag zum Bau der neuen Orgel durch die Orgelbauwerkstätte Werner Bosch, Sandershausen / Kassel unterschrieben. Zum Neubau hatte man sich entschlossen, da trotz mannigfaltiger Reparaturarbeiten eine Generalüberholung aus funktionstechnischen und künstlerisch-musikalischen Gründen nicht sinnvoll erschien.6) Dazu musste die Wand hinter dem Altar aufgebrochen, die vorhandene Rundung der alten Westempore bis zur ehemaligen Brüstung wiederhergestellt werden.7) Die Orgel wurde unter dem vorhandenen Rundbogen erstellt und seitlich bis zu diesem (mit zwei Seitentüren) geschlossen. Auch aus Gründen der Temperatur- und Feuchtigkeitsschwankungen wurde rückseitig eine Dämmwand eingebaut.

Zur Klangkonzeption schrieb Herr OBM Michael Bosch:8) „Die klangliche Konzeption dieses Instrumentes über die gottesdienstlichen Aufgaben hinaus wurde so entwickelt, dass ein Schwerpunkt auf symphonisch-französische Orgelmusik gelegt wird, ohne in dieser Hinsicht zu kopieren. Wir stehen hier … in der Tradition J.S.Bachs, der wir uns immer verpflichtet fühlen. Diese symphonische Konzeption lässt neben einer Höhenstaffelung der Teilwerke auch eine Tiefenstaffelung der Werke erwarten, die dann über die Klarheit und Präsenz des Rückpositivs über die tragende Gravität des Hauptwerks zu einer gewissen Mystik des Schwellwerkklanges führen darf.“ Zum Aufstellungsplatz im Altarraum nannte Michael Bosch in diesem Schreiben folgende „grundsätzlichen Gedanken“:8) „Die Orgel soll durch Form, nicht durch Verzierung wirken. Die Form soll in sich ruhen, um damit dem Betrachter die Möglichkeit zur Sammlung und damit zur Besinnung auf das Wesentliche im Alterraum zu bringen. Dieser Orgelbau ist nicht nur für eine Generation gedacht. Wir wissen nicht, wie unser Tun einmal in 20 oder gar 50 Jahren beurteilt werden wird, wir wollen aber eines nicht tun: den jetzigen Zustand der Kirche durch die Orgelgestalt festschreiben. … Die Orgel soll eine Aussage über ihre Entstehungszeit sein, also modern. Wir sehen nicht, dass sich Moderne auf das Rechteck reduziert, dies ist ein Rückfall in die sechziger Jahre. Dies ist meine Antwort auf den Einwurf, wir würden mit halbrunden Türmen historisieren.“ In einer zeitgleich zur Orgeleinweihung erschienenen Festschrift nimmt der Verfasser auszugsweise wie folgt Stellung 9): „Eine Orgel, auf der die gesamte Bandbreite geschichtlich überlieferter Kompositionsstile authentisch interpretierbar ist, bleibt eine in sich selbst widersprüchliche und daher undurchführbare Fiktion. Insofern ergreift unser Instrument ‚Partei‘ gegenüber den orgelbewegten neobarocken Orgeln der 30er / 60er Jahre mit ihrem hellen und scharfen Klangaufbau, indem es einem mehr grundtönigen Klangcharakter den Vorzug gibt.“

Durch die Rückgewinnung des Chorraumes wurde das Raumvolumen für die Klangentfaltung vergrößert. Ziel der Disposition war zudem die stilistische Erweiterung der Klangvielfalt in der „Orgelstadt“ Kassel. Ein Dispositionsentwurf wurde von dem Organisten der Friedenskirche, Herrn Kantor Juergen Bonn, vorgelegt. Auf diesem beruht weitgehend die folgende endgültige Disposition10):

Die Bosch-Orgel wurde am 13. Dezember 1992 als zweitgrößte Kirchenorgel der Stadt Kassel eingeweiht und mit einem festlichen Orgelkonzert (Werke u.a. von J. S. Bach, César Franck, Max Reger und Sigfrid Karg-Elert) von Kantor Juergen Bonn der Öffentlichkeit vorgestellt. […]

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Fußnoten:
1) Ernst Wittekindt, Das kirchliche Cassel, S. 85; Kassel, 1907
2)Vgl. Schreiben von Kirchenrat Burchard Lieberg an Pfarrer Reiner Remke vom 21.12.1991
3) Bericht über die Abnahme der Orgel von KMD Hermann Lingemann vom 12.02.1955
4) Vgl. Kostenanschlag der Orgelbauwerkstätte Euler vom 23.04.1958
5) Schreiben des Orgelsachverständigen KMD Johannes Rammig an den Gesamtverband der Ev. Kirchengemeinden Kassel vom 14.03.1969
6) Vgl. die Gutachten von BZK Rosemarie Schwarz vom 17.06.1985 und vom Orgelbausachverständigen Martin Kares vom 08.01.1986
7) Vgl. Aktennotiz von Herrn Kirchenbaurat Hans Jürgen Hofmann (Gesamtverband) vom 17.05.1991
8) Aus: OBM Michael Bosch, Schreiben vom 18.03.1992
9) Aus: Juergen Bonn, Gedanken zum Orgelneubau aus der Sicht des Kirchenmusikers, in: Festschrift Die neue Orgel – Friedenskirche Kassel (Hrsg.: Evangelische Kirchengemeinde der Friedenskirche Kassel, 1992)
10) Detaillierte Informationen enthält die anlässlich der Orgeleinweihung gestaltete Festschrift, a.a.O.


// Text von Juergen Bonn, Friedenskirchenkantor. Bearbeitung und Einleitung von Lukas Kiepe