PREDIGT

PREDIGT

In unregelmäßigen Abständen veröffentlichen hier verschiedene Prediger ihre in der Friedenskirche (und Apostelkapelle) gehaltenen Kanzelreden.

PREDIGT
5. Sonntag nach Trinitatis, 21. Juli 2019
9 Uhr Apostelkapelle, 10.30 Uhr Friedenskirche

Bischof i.R. Martin Schindehütte
Predigttext: Matthäus 9, 9-13

Steh auf, und folge mir nach!

Manchmal erscheint es einfach nur schade, liebe Gemeinde, dass wir so wenig von den Menschen der Bibel wissen. Wir haben immer nur die Texte, die Buchstaben, und sonst wissen wir über sie fast nichts mehr.

Heute ist das besonders schade, finde ich. Heute wird uns in ein paar dürren Worten eine Lebensgeschichte angedeutet, die es aber wahrlich in sich hat. Sie lässt uns aufhorchen:

Und Jesus sah einen Menschen am Zoll sitzen,
der hieß Matthäus;
und er sprach zu ihm: Folge mir!
Und Matthäus stand auf und folgte ihm.

Das Ganze ist nur ein einziger Vers 9 im 9. Kapitel des Evangeliums des Matthäus. Das alles scheint ja ohne große Vorgeschichte in ein paar wenigen Minuten geschehen zu sein. Da ist es doch einfach nur schade, dass wir nicht mehr wissen von dem, was da genau abgelaufen ist und wie die Gesichter oder die Vergangenheiten der Menschen waren: Wer war dieser Zöllner Matthäus? Miesester Ruf. Geldschneider. Kollaborateur der Besatzungsmacht der Römer. Zöllner und Sünder wurden immer in einem Atemzug genannt. Mit denen hat man nichts zu tun.

Ist Matthäus wirklich sofort aufgestanden und mit Jesus mitgegangen? Hat er keinen Augenblick gezögert? Hatte er keine Familie, die er erst fragen musste? Und: Was mag es gewesen sein, das ihn so überzeugt sein ließ, alles sofort verlassen zu können? Wie konnte Jesus so überzeugend wirken?

Alle diese Fragen sollten wir uns ruhig stellen, auch wenn die Antworten sehr schwer fallen. Die ganze Geschichte ist ja nun wirklich so höchst unwahrscheinlich. Eines ist offenkundig: Der Zöllner, der Sünder und Wucherer, der von allen Gemiedene fühlte sich zutiefst angesprochen. Hier meinte einmal jemand nicht den Dieb und den Geldeintreiber, den Außenseiter und Verräter an seinem Volk, sondern den Menschen. Das hat ihn zutiefst berührt. Matthäus wusste in diesem Augenblick genau, dass er und nur er gemeint war. Er, der sonst nur Verachtung erlebte.

Spannend ist, wie es im Evangelium in den nächsten Versen weitergeht. Sie beschreiben, wie Jesus eben jenen begegnet, mit denen niemand mehr etwas zu tun haben wollte. Sie beschreiben, wie Jesus dabei selbst zum Außenseiter wurde:

Und es begab sich, als Jesus zu Tisch saß, da kamen viele Zöllner und Sünder und saßen zu Tisch mit Jesus und seinen Jüngern. Als das die Pharisäer sahen, sprachen sie zu seinen Jüngern: Warum isst euer Meister mit den Zöllnern und Sündern? Als das Jesus hörte, sprach er: Die Starken bedürfen des Arztes nicht, sondern die Kranken. Geht aber hin und lernt, was das heißt (Hosea 6,6): Ich habe Wohlgefallen an Barmherzigkeit und nicht am Opfer. Ich bin gekommen, die Sünder zu rufen und nicht die Gerechten. (Matthäus 9,9-13)

Die ganze Szene, liebe Gemeinde, erschließt uns ein wenig, warum Matthäus aufgestanden und mitgegangen ist. Zu Jesus sind also viele gekommen, denen sonst keiner mehr einen Platz an seinem Tisch angeboten hat. Jesus wurde von diesen Menschen als einer wahrgenommen, der mehr in ihnen sah als die Stigmatisierten, Abgehängten und Aufgegebenen. Wir können ahnen: Der Zöllner Matthäus war tief berührt davon, als ein Mensch angesprochen zu werden, der unter seiner Einsamkeit, seiner Schuld und seiner Verurteilung leidet. Vielleicht hat er sich ein paar Tage später gefragt: Was hast du denn da gemacht, einfach aufzustehen und mitzugehen? Er wird über sich selbst ungläubig gestaunt haben. Und ganz gewiss wird er sich zutiefst befreit gefühlt haben.

Was ist das Besondere an Jesus, das auch uns zum Staunen und in die Befreiung führen kann? Jesus sieht den Menschen in seiner eigentlichen Bestimmung und nicht als den, der sich durch sein eigenes Tun und seine Gedanken längst selbst verloren hat. Jesus sieht den Menschen gerade nicht wie ihn alle sehen: urteilend, für gut oder böse befunden, zugehörig oder ausgestoßen. Jesus sieht den Menschen, wie er werden kann und zu sich zurückfindet. Er eröffnet gerade denen, die scheinbar alles verspielt und verloren haben, denen keiner mehr eine Chance gibt, eine neue Zukunft und Freiheit.

Und das nun können wir an vielen Stellen in der Bibel über Jesus lesen und lernen. Er isst nicht nur mit den Zöllnern und Sündern, wie wir gerade gelesen haben.

Weil er mit den Menschen gern zu Tisch sitzt und mit ihnen das Leben feiert, -so auch bei der Hochzeit zu Kana – sagen seine Gegner: „Siehe er ist ein Fresser und Weinsäufer und isst mit den Zöllnern und Sündern.“

Als eine Frau wegen Ehebruchs gesteinigt werden soll, sagt er: „Wer unser Euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein.“

Als er den kleinen Zöllner Zachäus auf einem Baum sitzen sieht, weil der ihn sehen will, sagt er: Steig herab vom Baum. Heute will ich bei dir zu Gast sein.

Als eine Heidin ihn darum bittet, ihre Tochter zu heilen, lässt er sich von ihr belehren und heilt ihre Tochter.

Als ein römischer Hauptmann ihn bittet, seinen Knecht zu heilen, sagt er: Solchen Glauben habe ich in Israel bei keinem gefunden!

All das sind Zeichen Jesu, dass er den Menschen ohne Vorurteile und erst recht ohne endgültige Urteile sieht und ihm die Erkenntnis ihrer eigenen Bestimmung eröffnet. Jesus kritisiert aber auch mit großer Klarheit die Pharisäer und die religiösen Selbstgerechten. Aber eben auch, weil er auch in ihnen ein größeres Herz vermutet als nur ein selbstgefälliges und ein selbstgerechtes.

Jesus will also, dass Menschen nach ihrer Bestimmung leben können – als von Gott geliebte Menschen, die frei sind umzukehren und ein neues Leben zu beginnen – so wie Gott sie sieht, als sein geliebtes Ebenbild.

Darum geht es bei dem, was in der Bibel und in der Kirche so oft und manchmal etwas zu gewiss “Nachfolge” genannt wird: Dass wir Menschen, wir von Gott und von Jesus geliebte Kinder und Menschen nach unserer Bestimmung und nicht nach unserem eigenen Bild und Urteil über uns selbst und andere leben können. Weil wir seine Geschöpfe sind.

Der Apostel Paulus sagt im Galaterbrief sagt:
Denn ihr seid alle durch den Glauben Gottes Kinder in Christus Jesus. Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus angezogen.
Hier ist nicht Jude noch Grieche,
hier ist nicht Sklave noch Freier,
hier ist nicht Mann noch Frau;
denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus. (Galater 3, 26-28)

Was bedeutet dies alles für uns, die wir getauft sind in Christus?

Es geht zuerst darum sich zu erinnern und zu vergewissern: Wir sind Menschen, Ebenbilder des großen Gottes. Wir sind nicht zuerst evangelisch oder katholisch, reich oder arm, gesund oder krank, gerecht oder ungerecht. Unsere erste und kostbarste Eigenschaft, unsere Bestimmung ist nicht das eigene Bild, das wir von uns und voneinander haben, sondern das Ebenbild Gottes. Es geht um unsere Fähigkeit, uns selbst zu lieben und anzuerkennen und ebenso unseren Nächsten als uns gleich anzuerkennen und zu lieben.

Wenn Gott die Liebe ist und wir Ebenbilder Gottes, dann ist unsere Bestimmung die Liebe. Jesus lebte es uns vor: Er liebte als Mensch das Wesen des Menschen, nicht seine Eigenschaften. Er verurteilt die Gaunereien und die Selbstgefälligkeiten, aber er verurteilt weder den Zöllner Matthäus noch den Pharisäer Simon (Lukas 7). Und wenn Jesus uns bittet, seinen Weg mitzugehen, dann sind zuerst die Augen und das Herz gemeint. Wie sehen wir einen Menschen? Geben wir ihm Raum zum Leben?

Auch die, die uns Schmerzen zufügen und uns ungerecht behandeln, sind Menschen und bleiben es. Auch die, die unser spotten und uns herabwürdigen, bleiben Menschen.

Erinnern und vergewissern sollen wir, wer wir sein sollen. Aber ist das genug? Geht es nicht auch ums Aufstehen und ihm folgen, ganz konkret? Ganz gewiss auch das. Wir sollen aufstehen und dafür und für diese Sicht auf den Menschen einstehen.

Wir erleben ja auch heute in erschreckendem Maße, wie Menschen diskriminiert und diskreditiert, links liegen gelassen und abgehängt werden und keine Chance auf ein selbstbestimmtes Leben haben.

Der amerikanische Präsident Donald Trump rät gerade vier amerikanischen Frauen mit Migrationshintergrund, die vom Volk gewählte Abgeordnete des amerikanischen Kongresses sind, sie sollten das Land lieber verlassen, weil sie es nicht lieben und linksradikale Positionen vertreten. Sie seien nichts wert und hätten kein Recht auf Teilhabe. Sie hätten eine Herkunft, die schäbig und unwürdig sei. Sie sollten dahin gehen und dort Ordnung schaffen. Und bei einem Wahlkampfauftritt skandieren seine Anhänger: „Schickt sie weg! Schickt sie weg!“ Das ist offen rassistisch und das krasse Gegenteil von einem Verständnis der Gleichheit aller Menschen, wie es der Apostel Paulus formuliert hat. Zum Glück hat der amerikanische Kongress offiziell festgestellt, dass diese Äußerungen des Präsidenten rassistisch sind.

In Deutschland behauptet die AfD und die Identitäre Bewegung und diese Kleinstpartei „Die Rechten“, Deutschland gehöre nur den Deutschen. Es werde überfremdet von Menschen, die weniger wert seien und in unserem Land nichts zu suchen hätten. Gestern hat es eine hier in Kassel eine Demonstration eben jener Kleinstpartei „Die Rechte“ gegeben. Eine Partei, die offenkundig nationalsozialistisch, rassistisch und antisemitisch ist.

Dagegen sind – Gott sei Dank – gestern viele aufgestanden und dem Aufruf zum Protest gegen diese Partei und zum klaren Zeugnis für eine Demokratie in Freiheit und Menschlichkeit aufgestanden. Darunter waren auch viele Mitglieder unserer Kirchen. Es gab ein großes Transparent unserer Diakonie und ein Transparent „Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck“. Die Stadtdekanin Barbara Heinrich hat klare Worte gefunden. Warum wir als Christen uns haben aufrufen lassen zu dieser Demonstration. Warum: Weil dieses Bekenntnis der 10.000 Demonstranten zu Freiheit und Gleichheit, zu Gerechtigkeit und Frieden für alle Menschen unverzichtbar zu unserem christlichen Glauben gehört.

In diesem Aufruf zu dieser Demonstration steckt darum etwas von jenen Worten, die Jesus dem Matthäus gesagt hatte:

Steh auf, und folge mir nach!