PREDIGT

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In unregelmäßigen Abständen veröffentlichen hier verschiedene Prediger ihre in der Friedenskirche (und Apostelkapelle) gehaltenen Kanzelreden.

 

PREDIGT
2. Sonntag nach Epiphanias, 20. Januar 2019
11.00 Uhr Kreuzkirche

Gottesdienst zum Auftakt des 150-jährigen Jubiläums
der Albert-Schweitzer-Schule

Pfarrer Matthias Meißner
Predigttext: Römer 12,9-16

 

9 Die Liebe sei ohne Falsch.
Hasst das Böse, hängt dem Guten an.
10 Die brüderliche Liebe untereinander sei herzlich.
Einer komme dem andern mit Ehrerbietung zuvor.
11 Seid nicht träge in dem, was ihr tun sollt.
Seid brennend im Geist. Dient dem Herrn.
12 Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal,
beharrlich im Gebet. 
13 Nehmt euch der Nöte der Heiligen an. Übt Gastfreundschaft.
14 Segnet, die euch verfolgen; segnet, und verflucht sie nicht.
15 Freut euch mit den Fröhlichen, weint mit den Weinenden.
16 Seid eines Sinnes untereinander.
Trachtet nicht nach hohen Dingen, sondern haltet euch zu den niedrigen. Haltet euch nicht selbst für klug.

 

Liebe Gemeinde!

Ich freue mich, an einer Schule unterrichten zu dürfen, die den Namen Albert Schweitzers trägt. Und vielleicht geht es euch als Schülerinnen und Schüler, als Kolleginnen und Kollegen, als Eltern und als Ehemalige auch so. Es war eine gute und tragfähige Entscheidung im Jahr 1956, als nach Vorschlag der Schülerschaft die Schule diesen Namen erhielt. Ich habe großen Respekt vor der Lebensleistung Albert Schweitzers, vor seinem Denken, seiner Ethik und vor der Liebe, die er in die Tat umgesetzt hat. Bis heute ist seine Botschaft aktuell. Nach einer glänzenden Karriere als Theologe, Konzertorganist und Hochschullehrer machte er wahr, was er sich mit 21 Jahren vorgenommen hatte, nämlich als Mensch den Menschen zu dienen. Mit 30 Jahren nimmt er noch einmal die Strapazen eines Medizinstudiums auf sich, um als Arzt nach Afrika zu gehen. Am Ogowe baut er ein Spital auf, um den Menschen dort medizinisch zu helfen. 11 Seid nicht träge in dem, was ihr tun sollt. Seid brennend im Geist. Dient dem Herrn.

Das trifft wohl auf Albert Schweitzer zu. Aber kommen wir uns nicht etwas klein vor neben so einem großen Mann? Albert Schweitzer hat aber das für das Wichtigste gehalten, was vor allem Kinder können: nämlich mitfühlen, mitleiden. Deshalb passt der Name Albert Schweitzers so gut zu einer Schule. Das Wichtigste an Begabung bringst du schon mit. Es braucht nur einen Funken von außen, um das Brennmaterial deiner Gedanken, das schon in dir ist, zu entfachen. Die Gefahr ist nicht, dass du zu wenig lernst, sondern dass du deine Fähigkeit, mit den Wesen um dich herum mitzuleiden, abstumpfen lässt. Albert Schweitzer erinnert sich an dieses Mitgefühl in seiner eigenen Kindheit:

So lange ich zurückblicken kann, habe ich unter dem vielen Elend, das ich in der Welt sah, gelitten. Unbefangene, jugendliche Lebensfreude habe ich eigentlich nie gekannt und glaube, dass es vielen Kindern ebenso geht, wenn sie auch äußerlich ganz froh und sorglos scheinen.

Insbesondere litt ich darunter, dass die armen Tiere so viel Schmerz und Not auszustehen haben. Der Anblick eines alten, hinkenden Pferdes, das ein Mann hinter mir herzerrte, während ein anderer mit einem Stecken auf es einschlug – es wurde nach Kolmar ins Schlachthaus getrieben – hat mich wochenlang verfolgt.“ (Kindheit und Jugendzeit S. 22)

Lasst euch nicht abstumpfen. Bewahrt euch eure Empfindsamkeit für eure Geschöpfe ringsum. Fürchtet nicht den Vorwurf, ihr wäret sentimental.

15 Freut euch mit den Fröhlichen, weint mit den Weinenden. Dieses Mitgefühl mit allem, was lebt, ist dann auch der Kern der entscheidenden Entdeckung Albert Schweitzers, mit der er seine Ethik mit dem Denken begründet: die Ehrfurcht vor dem Leben. „Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.“ (Leben und Denken S. 139). Die Grundidee ist, dass wir mit allem Leben verbunden sind. Im Gegenüber begegnet uns nicht etwas Fremdes, sondern in allen Geschöpfen begegnen wir uns selbst. Albert Schweitzer fasste seine philosophischen Gedanken in die verständliche Sprache der Predigt:

„In allem findest du dich wieder. Der Käfer, der tot am Wege liegt – er war etwas, das lebte, um sein Dasein rang wie du, an der Sonne sich erfreute wie du, Angst und Schmerzen kannte wie du, und nun nichts mehr ist als verwesende Materie – wie du über kurz oder lang sein wirst. – (…) Was ist also das Erkennen, das gelehrteste wie das kindlichste: Ehrfurcht vor dem Leben, (…) das ist wie wir selbst, verschieden in der äußeren Erscheinung und doch innerlich gleichen Wesens mit uns, uns furchtbar ähnlich, furchtbar verwandt. Aufhebung des Fremdseins zwischen uns und den anderen Wesen.“ (Predigten S. 128f.)

Ich finde, dass Albert Schweitzer Recht hat, dass gerade die Kinder und die Jugendlichen diese Fähigkeit des Mitfühlens haben. Mitte November letzten Jahres gab es in der FFH-Morning Show die Aktion „Wünsch dir was, dann kriegste das“. Die 9-jährige Leona aus Kelkheim wünschte sich 2.222 Euro für bedürftige Kinder. Sie hatte im Fernsehen das anrührende Bild eines unterernährten und dem Tode nahen Mädchens in Afrika gesehen. Der Moderator Daniel Fischer war so angetan von dem Wunsch des Mädchens, dass er den Betrag auf 4.444 Euro verdoppelte.

In der Schule bin ich immer wieder beeindruckt, wenn ich sehe, wie Schülerinnen und Schüler sich gegenseitig helfen. Ein Mädchen oder ein Junge weint. Oft weiß ich nicht, warum: Ist es eine schlechte Note, ist es ein Abschied in der Familie, eine Kränkung oder Liebeskummer? Ich muss es auch nicht wissen, wenn ein oder zwei Mitschülerinnen sich kümmern. Sie gehen nach draußen und trösten. Die Weinende darf reden, sich ihrem Schmerz Luft machen, sie wird in den Arm genommen, bekommt einen guten Rat. Sie darf spüren, dass sie mit ihrem Schmerz nicht allein ist. Das ist schon sehr sehr viel. Bewahrt euch das, liebe Schülerinnen und Schüler, stumpft nicht ab. Freut euch mit den Fröhlichen, weint mit den Weinenden.

Trachtet nicht nach hohen Dingen, sondern haltet euch zu den niedrigen. Haltet euch nicht selbst für klug. Schweitzer ist Zeit seines Lebens ein bescheidender Mensch geblieben. Und gegenüber dem unergründlichen Geheimnis „Leben“ betont er, dass der Unterschied zwischen Wissen und Nichtwissen ganz klein ist. Noch einmal Albert Schweitzer in einer Predigt:

„Welches ist der Unterschied zwischen einem Gelehrten, der die kleinesten und ungeahntesten Lebenserscheinungen im Mikroskop betrachtet und dem alten Landmann, der kaum lesen und schreiben kann, wenn er im Frühling sinnend im Garten steht und die Blüte betrachtet, die am Zweige des Baumes aufbricht? Beide stehen vor dem Rätsel des Lebens, und einer kann es weitergehender beschreiben wie der andere, aber für beide ist es gleich unergründlich. Alles Wissen ist zuletzt Wissen vom Leben und alles Erkennen Staunen über das Rätsel des Lebens – Ehrfurcht vor dem Leben in seinen unendlichen, immer neuen Gestaltungen.“ (Predigten S. 128)

Liebe Gemeinde, solche Demut soll uns nicht zu angepassten Menschen machen. Albert Schweitzer sagt von sich selbst, dass er zwischen 14 und 16 Jahren ein unausstehlicher Jugendlicher war, der einen Drang zum Diskutieren hatte und ein leidenschaftliches Bedürfnis zu denken und den Dingen auf den Grund zu gehen. Im Grunde sei er sein ganzes Leben lang so unausstehlich gewesen und habe das Denken nie aufgegeben (Kindheit und Jugendzeit S. 44f.). So sollen auch wir in der Schule denken, fragen, diskutieren, durchaus mit kritischem Geist. Mit der Bereitschaft, Dinge zu hinterfragen, kommen wir in der Erkenntnis voran. Albert Schweitzer mag uns dabei helfen, das Wesentliche dabei nicht aus dem Blick zu verlieren: Unser Eingebundensein in das Große und Ganze des Lebens, unsere Verantwortung für alles, was lebt. Zu Schweitzers Lebzeiten waren es die Gefahren der Nutzung der Atomenergie, auf die er aufmerksam machte. Heute ist es der Einsatz gegen die Erwärmung des Klimas oder unsere Aufgabe für einen gerechten Ausgleich zwischen Arm und Reich zu sorgen. Lasst euch nicht eure Ideale nehmen. Seid brennend im Geist.

Noch einmal Albert Schweitzer mit dem Wort, das uns am Eingang der Albert-Schweitzer-Schule empfängt: Was ein Mensch an Gütigkeit in die Welt hinausgibt, arbeitet an den Herzen und an dem Denken der Menschen. Unsere törichte Versäumnis ist, dass wir mit der Gütigkeit nicht ernst zu machen wagen. (…) Eine unermesslich tiefe Wahrheit liegt in dem phantastischen Worte Jesu: ‚Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Erdreich besitzen.‘ “ (Kindheit + Jugendzeit S. 63)

Mögen Sanftmut, Güte und Liebe im Sinne Albert Schweitzers auch weiterhin unser Schulleben prägen.
Amen.

Titelfoto medio.tv/schauderna