PREDIGT

PREDIGT

In unregelmäßigen Abständen veröffentlichen hier verschiedene Prediger ihre in der Friedenskirche (und Apostelkapelle) gehaltenen Kanzelreden.

 

PREDIGT
23. Sonntag nach Trinitatis, 4. November 2018
10.30 Uhr Friedenskirche

Pfarrer Matthias Meißner
Predigttext: 2.Mose 1,8-20

 

8 Ein neuer König kam auf in Ägypten, der wusste nichts von Josef  9 und sprach zu seinem Volk: Siehe, das Volk der Israeliten ist mehr und stärker als wir.  10 Wohlan, wir wollen sie mit List niederhalten, dass sie nicht noch mehr werden. Denn wenn ein Krieg ausbräche, könnten sie sich auch zu unsern Feinden schlagen und gegen uns kämpfen und aus dem Land hinaufziehen.
11 Und man setzte Fronvögte über sie, die sie mit schweren Diensten bedrücken sollten. Und sie bauten dem Pharao die Städte Pitom und Ramses als Vorratsstädte.  12 Aber je mehr sie das Volk bedrückten, desto stärker mehrte es sich und breitete sich aus. Und es kam sie ein Grauen an vor den Israeliten.  13 Da zwangen die Ägypter die Israeliten mit Gewalt zum Dienst  14 und machten ihnen ihr Leben sauer mit schwerer Arbeit in Ton und Ziegeln und mit mancherlei Frondienst auf dem Felde, mit all ihrer Arbeit, die sie ihnen mit Gewalt auferlegten.
15 Und der König von Ägypten sprach zu den hebräischen Hebammen, von denen die eine Schifra hieß und die andere Pua:  16 Wenn ihr den hebräischen Frauen bei der Geburt helft, dann seht auf das Geschlecht. Wenn es ein Sohn ist, so tötet ihn; ist’s aber eine Tochter, so lasst sie leben.  17 Aber die Hebammen fürchteten Gott und taten nicht, wie der König von Ägypten ihnen gesagt hatte, sondern ließen die Kinder leben.
18 Da rief der König von Ägypten die Hebammen und sprach zu ihnen: Warum tut ihr das, dass ihr die Kinder leben lasst?  19 Die Hebammen antworteten dem Pharao: Die hebräischen Frauen sind nicht wie die ägyptischen, denn sie sind kräftige Frauen. Ehe die Hebamme zu ihnen kommt, haben sie geboren.  20 Darum tat Gott den Hebammen Gutes. Und das Volk mehrte sich und wurde sehr stark. 

 

Liebe Gemeinde!
Ein neuer König kam auf in Ägypten, der wusste nichts von Josef. Das ist ein folgenschwerer Satz. Politische Verhältnisse ändern sich und damit auch die Lebensbedingungen. Die Israeliten stammen von Josef ab, und Josef haben die Ägypter viel zu verdanken. Josef war von seinen eifersüchtigen Brüdern nach Ägypten verkauft worden. Aber durch seine Fähigkeit, Träume zu deuten, macht der smarte Josef in Ägypten eine beispiellose Karriere. Er sagt eine Dürreperiode voraus und schlägt Pharao vor, in den gegenwärtig guten Zeiten Kornspeicher anzulegen. Pharao folgt seinem klugen Rat und befördert Josef zum höchsten Beamten im Land. Es kommt so, wie Josef es angekündigt hatte. In der Hungersnot kommen Menschen aus den Nachbarländern, um in Ägypten das eingelagerte Korn einzukaufen. Darunter sind auch die Brüder des Josef, die in dem hohen Herrscher zunächst nicht ihren Bruder erkennen. Josef prüft seine Brüder auf Lauterkeit und sieht, dass sie ihre Tat von damals bereuen. Schließlich gibt er sich zu erkennen und versöhnt sich mit ihnen. Daraufhin kommt seine Ganze Sippe, Erzvater Jakob und seine Familie, nach Ägypten, und sie wohnen dort in Frieden.

Da kam ein neuer König auf in Ägypten, der wusste nichts von Josef. Politische Verhältnisse ändern sich. Frau Merkel wird nicht mehr für den Fraktionsvorsitz der CDU kandidieren und das Ende ihrer Kanzlerschaft kommt in Sicht. Wer wird nach Merkel kommen? Vielleicht wird es bei einem Nachfolger /einer Nachfolgerin auch so eine Erkenntnis geben wie: der oder die wusste nichts von …: Wie stabil wird unsere Demokratie in Zukunft sein? Inwieweit werden radikale Ansichten von den politischen Rändern sich behaupten? Wie werden sich die politischen Umgangsformen entwickeln? Wie lange werden noch christlich-humane Werte in unserer Gesellschaft vertreten?

Den Ägyptern sind die von außen einwandernden Kleinviehnomaden, zu denen die Israeliten gehören, verhasst (1 Mos 46,34). Sie werden ihnen unheimlich, weil sie immer mehr werden. Sie bekommen mehr Kinder als die Einheimischen. Auch in Ägypten macht man sich Gedanken über die Sicherung der Außengrenzen. Die Bedrückung mit harter Feldarbeit und Bautätigkeit soll die Fremden demoralisieren. Aber je mehr sie das Volk bedrückten, desto stärker mehrte es sich und breitete sich aus. Die Geschichte will sagen, dass Gott sein auserwähltes Volk in der Bedrückung schützt und stärkt. Aber ganz allgemein kann man bis in unsere Gegenwart beobachten, dass Minderheiten durch Unterdrückung noch stärker werden. Im Jahr 2015 ermordeten IS-Terroristen an einem Strand in Libyen 21 koptische Christen. Es waren Wanderarbeiter, die auf dem Rückweg von ihrer Arbeit von den Terroristen aufgegriffen wurden. Die Terroristen filmen die Ermordung der Männer am Strand in einer perfekten Inszenierung. Die Männer müssen in orangefarbener Kleidung am Strand in Reih und Glied aufmarschieren, dann müssen sie alle auf einmal niederknien und die hinter ihnen stehenden Terroristen schneiden ihnen die Kehlen durch und enthaupten sie. Der Film mit dem Titel „Eine in Blut geschriebene Nachricht an die Nation des Kreuzes“ hat allerdings nicht die gewünschte Wirkung. Die geopferten Männer werden zu Märtyrern, zu Helden, zu Heiligen, zu Vorbildern im Glauben. Ihre Familien sind stolz auf sie. Sie sind überzeugt, dass sie direkt in den Himmel eingegangen sind, weil sie für ihren Glauben gestorben sind. Für sie wurde im vergangenen Jahr in ihrem ägyptischen Heimatort eine Kirche erbaut, in der sie von Wallfahrern als Vollendete im Glauben verehrt werden. Die koptische Kirche in Ägypten wird auf paradoxe Weise durch diese Gräueltat und ihre Verfilmung gestärkt.

Der König von Ägypten befiehlt den Hebammen Kindermord. Sie sollen die männlichen Säuglinge der hebräischen Frauen töten. Aber die Hebammen fürchteten Gott und taten nicht, wie der König von Ägypten ihnen gesagt hatte, sondern ließen die Kinder leben. Hier, liebe Gemeinde, sieht man, wozu Gottesfurcht gut ist. Gott ist groß. Er ist der Schöpfer des Himmels und der Erde. Er lenkt die Geschichte und die Herzen der Menschen. Gott und nur Gott ist groß. Gott und nur Gott hat das Recht, uns Menschen etwas zu sagen und Gehorsam einzufordern. „Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit“, beten wir im Vaterunser. Gegenüber Gott ist alle menschliche Herrschaft klein und unbedeutend. Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen, sagt der Apostel Petrus (Apg 5,29). Die Hebammen fürchten Gott, und darum tun sie nicht, was der König von Ägypten sagt. Sie gehorchen dem Gott des Lebens. Unschuldige Kinder töten, wie könnten sie das tun, deren Beruf und Berufung es ist, das neue Leben auf die Welt zu bringen. Sie verhalten sich geschickt. Als Pharao die Hebammen zu sich zitiert und sie befragt, warum sie die Kinder leben lassen, können sie sich rechtfertigen. Die hebräischen Frauen seien im Vergleich zu den ägyptischen Frauen kräftig, wörtlich: sie sind Tiere. Um ihren Ungehorsam zu entschuldigen, passen sie sich der diskriminierenden Ausdrucksweise der Ägypter gegen die Hebräerinnen an und gewinnen dadurch Spielraum. Gott fürchten hilft, dem Tyrannen zu widerstehen.

Liebe Gemeinde, die Kirche Jesu Christi lebt in dieser Welt. Auch als Christinnen und Christen sind wir Mitglieder dieser Gesellschaft und in diesem Staat und haben darin unseren Platz. Wir erkennen unseren demokratischen Staat als rechtmäßig an und achten seine Gesetze und Anordnungen im Gegensatz zu den so genannten Reichsbürgern und anderen Feinden der Demokratie. Wir kooperieren mit dem Staat und suchen, mit Jeremia gesprochen, der Stadt Bestes (Jer 29,7). Aber mit den Hebammen Schifra und Pua, die Namen bedeuten „Schönheit“ und „Glanz“, glauben wir, dass alle irdische Macht auf Erden begrenzt ist. Im Zweifelsfall und im Konfliktfall gehorchen wir Gott. Wir schützen das Leben und treten für die Rechte von Schwachen und Kindern ein. Wir dienen dem Leben und widerstehen Willkür und Gewalt. Manchmal hilft schon ein mutiges Wort. Im Nationalsozialismus erhob z. B. Bischof Graf von Galen in Münster seine Stimme gegen die Krankenmorde der Nazis und hatte damit Erfolg. Gottesfurcht erlaubt Freiheit vor Menschenfurcht und Mut zur Wahrheit. Gottesfurcht weiß, wem Gehorsam und Ehre gebühren: Dem König aller Könige und Herren aller Herren, der allein Unsterblichkeit hat, dem sei Ehre und ewige Macht.
Amen.

Titelfoto medio.tv/schauderna