PREDIGT

PREDIGT

In unregelmäßigen Abständen veröffentlichen hier verschiedene Prediger ihre in der Friedenskirche (und Apostelkapelle) gehaltenen Kanzelreden.

 

PREDIGT
8. Sonntag nach Trinitatis, 22. Juli 2018
9.00 Uhr Apostelkapelle und 10.30 Uhr Friedenskirche

Pfarrer Matthias Meißner
Predigttext: Johannes 9,1-7

 

1 Jesus ging vorüber und sah einen Menschen, der blind geboren war. 2 Und seine Jünger fragten ihn und sprachen: Rabbi, wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, dass er blind geboren ist? 3 Jesus antwortete: Es hat weder dieser gesündigt noch seine Eltern, sondern es sollen die Werke Gottes offenbar werden an ihm. 4 Wir müssen die Werke dessen wirken, der mich gesandt hat, solange es Tag ist; es kommt die Nacht, da niemand wirken kann. 5 Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt. 6 Als er das gesagt hatte, spuckte er auf die Erde, machte daraus einen Brei und strich den Brei auf die Augen des Blinden 7 und sprach zu ihm: Geh zu dem Teich Siloah – das heißt übersetzt: gesandt – und wasche dich! Da ging er hin und wusch sich und kam sehend wieder.

 

Liebe Gemeinde!

Von Geburt an
Judith und Tom freuen sich auf ihr erstes gemeinsames Kind. Es ist ein Wunschkind.  Nach einiger Zeit hat sich nun endlich die Schwangerschaft eingestellt. Die werdenden Eltern entscheiden sich in der 11. Schwangerschaftswoche, ein Frühscreening machen zu lassen, um Fehlbildungen auszuschließen. Das Ergebnis ist Besorgnis erregend und eine Fruchtwasseruntersuchung bestätigt die Befürchtungen: Trisomie 21, auch Down-Syndrom genannt, ein Gendefekt. Für Judith und Tom ist diese Diagnose ein Schock. Würden sie es bewältigen, mit einem behinderten Kind zu leben? Welche besonderen Aufgaben und gesundheitlichen Komplikationen würden sich ergeben? Müssen wir uns schuldig fühlen, wenn wir ein behindertes Kind in die Welt setzen? Was würden die anderen dazu sagen, Familienangehörige, Freundinnen und Freunde? „Wissen Sie denn schon, wie Sie sich entscheiden?“, fragt die Frauenärztin. Etwa 90 % der Betroffenen entscheiden sich bei der Diagnose Down-Syndrom für eine Abtreibung.

Krankheit und Schuld
Jesus und seine Jünger kommen am Sabbat an einem Menschen vorbei, der von Geburt an blind ist. Zunächst geht es nicht darum, diesem Mann zu helfen oder ihn zu heilen. Sein Fall gibt Anlass zu einem Lehrgespräch: Rabbi, wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, dass er blind geboren ist? Krankheit und eingeschränktes Leben konnten nach damaligem Verständnis Folge von Sünde und Vergehen sein. Im extremen Fall werden Krankheiten als Strafe Gottes angesehen. Auch wenn wir meinen, diesen Zusammenhang überwunden zu haben, denken und fühlen wir bis heute so. Wenn ich krank werde, frage ich mich, was ich falsch gemacht habe. Habe ich mich überfordert, zu wenig auf mich geachtet? Habe ich mich falsch ernährt, zu wenig bewegt, mich nicht gut genug informiert? Müsste ich nicht ganz auf Zucker, Schweinefleisch und Alkohol verzichten, vom Rauchen ganz zu schweigen? Hauptsache gesund. Das Achten auf eine gesunde Ernährung und auf sportliche Aktivität ist inzwischen zur Religion geworden. In früheren Jahrzehnten fanden sich Hochmotivierte beim Frühgottesdienst um 8 Uhr in der Apostelkapelle ein. Heute kommen sie zum Frühsport 6.30 in die Goetheanlage.

Handlungsfeld für Gottes Werke
Jesus verneint ausdrücklich den Zusammenhang von Krankheit und Schuld: Es hat weder dieser gesündigt noch seine Eltern, sondern es sollen die Werke Gottes offenbar werden an ihm. Die Eltern haben keine Schuld daran, dass dieser Mann seit seiner Geburt an blind ist. Sowenig wie Judith und Tom eine Schuld daran tragen, dass sie ein Down-Kind erwarten. Anhand des von Geburt an Blinden entwickelt Jesus nun eine ganz andere Deutung: Es sollen die Werke Gottes offenbar werden an ihm. „Er ist nur deshalb blind, damit das Handeln Gottes an ihm sichtbar wird.“ (Basis-Bibel) Die Krankheit ist keine Strafe Gottes, sondern Übungsfeld Gottes für seine heilende Kraft. An dem Kranken will Gott zeigen, wie seine Kraft Licht bringt. Manchmal bringt mich eine Krankheit zur Besinnung. Ich tue mir etwas Gutes. Ich verändere meine Lebensgewohnheiten und traue mich, auch einmal nein zu sagen, wenn zu viele Ansprüche mich bedrängen. Zuerst bin ich deprimiert, wenn mich eine Krankheit ereilt hat. Ich habe vielleicht kaum Hoffnung, dass es besser werden könnte. Dann aber stellt sich Besserung ein, ich sehe wieder Licht und freue mich. Gott hat so viel Licht und Kraft in seine Schöpfung gelegt, dass sie zum Guten angewendet werden will. Das ist ein ganz anderes Verständnis von Krankheit. Sie wird nicht als Defizit beschrieben, sondern als Möglichkeit, wie man an Gottes Kraft herankommen kann. Krankheit als Motivation, mich zu Gott hin auszustrecken.

Ihr seid das Licht der Welt
4 Wir müssen die Werke dessen wirken, der mich gesandt hat, solange es Tag ist, sagt Jesus, es kommt die Nacht, da niemand wirken kann. 5 Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt. Bezeichnend finde ich das Wir, von dem Jesus spricht. Wir müssen die Werke wirken. Jetzt ist dazu die richtige Zeit. Ich bin das Licht der Welt. Ich bin bei euch. Glaubt an das Licht, solange ihr’s habt, sagt Jesus an anderer Stelle (12,35), auf dass ihr des Lichtes Kinder werdet. Als Kinder des Lichts sind wir berufen, das Licht zu den Menschen zu bringen, die im Dunkeln sind. Jesus sagt in der Bergpredigt: Ihr seid das Licht der Welt… So lasst euer Licht leuchten vor den Leuten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen (Mt 5,14.16).

Das Elend zum Aufhören bringen
Albert Schweitzer, der Theologe, Organist und Urwaldarzt hat sich von dem Elend, das er um ihn herum bei Menschen und Tieren wahrnahm, berühren lassen, er konnte sich diesem Mit-Leiden nicht entziehen. Aus seiner Kindheit berichtet er z.B., dass ihn der Anblick eines alten hinkenden Pferdes, das mit Peitsche zum Schlachthof getrieben wurde, wochenlang nicht losgelassen hat. Warum gibt es so viel Leiden in der Welt? Albert Schweitzer antwortet auf diese Frage: „Sosehr mich das Problem des Elends in der Welt beschäftigte, so verlor ich mich doch nie in Grübeln darüber, sondern hielt mich an den Gedanken, dass es jedem von uns verliehen sei, etwas von diesem Elend zum Aufhören zu bringen.“ (Aus meinem Leben und Denken S. 206f.) Also nicht grübeln, keine Vorhaltungen machen, sondern das Elend um mich herum lindern helfen.

Erleuchtung
Wie so oft bei den Jesusgeschichten, ist die dann folgende Heilung nicht  mehr das Entscheidende. Wichtiger ist das Vertrauen, das in mir und dir, in uns Blindgeborenen gewirkt wird: Jesus, das Licht der Welt ist unter uns und in uns. Sein Licht erleuchtet unsere Seele, befreit  uns von unserer Blindheit, von Hochmut, Eigensinn und Leistungsdenken, von Fehleinschätzungen, dass das eine Leben mehr wert ist als das andere. Das Licht der Welt weckt Glauben in uns, erleuchtet uns zu einer neuen Sicht der Welt.

Wunder des Lebens
Judith und Tom haben sich dafür entschieden, ihr Kind auszutragen. Sie sind glücklich mit Maja, sie ist ein sehr fröhliches und herzliches Kind. Aufgrund ihrer behinderungsbedingten Muskelschwäche entwickelt sie sich langsamer als die anderen Kinder. Sie lernt auch etwas später sprechen und wird wahrscheinlich kein Abitur machen.  „Doch Maja hat uns gelehrt“, sagt Judith, „dass das Leben ein Wunder ist und dass alles einen tieferen Sinn hat und es eine höhere Macht geben muss.“
Amen.

Foto: medio.tv/schauderna