PREDIGT

PREDIGT

In unregelmäßigen Abständen veröffentlichen hier verschiedene Prediger ihre in der Friedenskirche (und Apostelkapelle) gehaltenen Kanzelreden.

 

PREDIGT
Quasimodogeniti, 8. April 2018
10.30 Uhr Friedenskirche

Pfarrer Matthias Meißner
Predigttext: Jesaja 40,26-31

 

26 Hebt eure Augen in die Höhe und seht! Wer hat all dies geschaffen? Er führt ihr Heer vollzählig heraus und ruft sie alle mit Namen; seine Macht und starke Kraft ist so groß, dass nicht eins von ihnen fehlt.
27 Warum sprichst du denn, Jakob, und du, Israel, sagst: „Mein Weg ist dem HERRN verborgen, und mein Recht geht an meinem Gott vorüber?“   28 Weißt du nicht? Hast du nicht gehört? Der HERR, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich.  29 Er gibt dem Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden.  30 Jünglinge werden müde und matt, und Männer straucheln und fallen;  31 aber die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.

 

Liebe Gemeinde!

Ein Kraftwort ist uns heute als Predigttext aufgegeben. Zwei Konfirmandinnen, die am nächsten Sonntag eingesegnet werden, haben sich dieses Wort als Konfirmationsspruch ausgewählt: Die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden. Das ist ein Menschheitstraum, die Erdenschwere überwinden und fliegen, wie ein Adler aufsteigen, die Thermik nutzen und erhaben weit oben Kreise ziehen.

Laufen und nicht müde werden. Viele unter uns halten sich mit dem Laufen fit. Einige werden auch in diesem Jahr wieder für den Marathon hart und ausdauernd trainieren, um der 42 km langen Strecke gewachsen zu sein. Ein Traum, wenn der Körper Glückshormone ausschüttet und das Laufen wie von selbst geht.

Woher nehme ich meine Kraft? Kann ich sie optimieren durch gezieltes Training? Kommt sie aus mir selbst?

Alle Kraft kommt von Gott, sagt der Prophet. Gott ist die Quelle des Lebens und der Kraft. Sinn und Ziel der Religionsausübung ist es, Anschluss an die Kraftquellen Gottes zu gewinnen. Der Prophet muss Gott allerdings gegen den Vorwurf verteidigen, Gott wäre müde und matt geworden. Jesaja nimmt uns dazu mit in die Schule des Sehens: Schaut doch hinauf zu den Sternen: Jeden Abend führt Gott das Heer seiner Sterne heraus. Er hat ihnen allen ihren Namen gegeben, keiner fehlt. Schau nach oben, löse dich von den Sorgen des Alltags. Erhebe den Blick und gewinne Weite. Wer schon einmal bei sternklarer Nacht in die Tiefe der Milchstraße geschaut hat, kann das Staunen über den Kosmos nachempfinden. Aber dieser Blick ist heutzutage noch kein Beweis dafür, dass Gott existiert und den Kosmos geschaffen hat. Viele Naturwissenschaftler sehen dort nicht Gott am Werk, sondern messen Entfernungen, erforschen chemische Elemente und astronomische Gesetze.

Warum zeigt sich Gott nicht? Warum greift er nicht ein, wenn Kinder durch Dürre und verunreinigtes Wasser sterben? Warum verhindert er nicht den Terroranschlag in Paris, in Berlin oder die Amokfahrt gestern in Münster? Ist Gott überhaupt da? Oder hat er sich aus der Welt zurückgezogen? Ist er müde und matt? Ein alter Mann, der keine Lust mehr hat, sich in das Weltgeschehen einzumischen?

Jesaja kennt die Zweifel und Warum-Fragen seiner Zeitgenossen, er zitiert sie: Warum sprichst du denn, Jakob, und du, Israel, sagst: „Mein Weg ist dem Herrn verborgen und mein Recht geht an meinem Gott vorüber?“ (Vers 27) Gott sieht mich nicht. Gott kümmert sich nicht darum, ob es mir gut oder schlecht geht. Ich bin ihm egal. Wenn ich leiden muss und Einschränkungen hinzunehmen habe, fühle ich mich ungerecht behandelt. Hätte ich nicht Besseres verdient?

Auch Thomas, der Jünger von Jesus, von dessen Zweifel wir eben im Evangelium gehört haben, überzeugt nicht der Blick in die Sterne. Er will es genau wissen und vor allem mit eigenen Augen sehen. Seine Freunde berichten ihm, dass Jesus zu ihnen gekommen war. Thomas pocht auf seine eigene Erfahrung. Niemand kann sie ihm abnehmen. Dass Gott da ist und mir zur Seite steht, muss jeder von uns ganz persönlich erfahren. Es hilft nicht viel, wenn andere es behaupten.

In den religiösen Dingen wirken auch wir selbst müde und matt. Die Zahl der Christen geht zurück. Niemand begeistert sich so recht für sein Christsein. Müde und matt wirkt eine ganze Nation, die durch Schule, Beruf und Freizeitprogramme so gefordert ist, dass für Ruhe, Selbstbesinnung und geistliches Leben kaum Zeit bleibt. Deutschland, eine erschöpfte Gesellschaft, in der Burnout und psychische Erkrankungen auch unter Kindern und Jugendlichen zunehmen. Jünglinge werden müde und matt und Männer straucheln und fallen.

Woher nehme ich meine Kraft? Auf welche Ressourcen kann ich zurückgreifen? Thomas besteht auf der eigenen Erfahrung. Damit bleibt Thomas aufmerksam für den Lebendigen und erwartet ihn. Ja, wenn er das Bekenntnis seiner Freunde, wir haben den Herrn gesehen, nur nachgeplappert hätte, dann wäre er ihm wahrscheinlich nie selbst begegnet. So aber ist er, darf ich sagen, angefixt. Er will auch das erleben, was seine Freunde erlebt haben. Er will diese Begegnung, die er nicht selber herbeiführen kann: dass der Lebendige durch verschlossene Türen kommt und auch seine Herzenstür öffnet, so dass er aus vollem Herzen bekennen kann: Mein Herr und mein Gott! (Joh 20,28). Diesen Moment, an dem ich spüre: Das Leben kommt zu mir, ganz unerwartet. Das Leben wird noch einmal neu. Neue Horizonte tun sich auf. Ich selber bin noch einmal neu geboren. Ich kann noch einmal ein neues Leben beginnen, auch wenn es nur ein kleines Stück Leben ist.

29 Er gibt dem Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden.  30 Jünglinge werden müde und matt, und Männer straucheln und fallen;  31 aber die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.

Könnte das eine Haltung sein, die unserer Sehnsucht nach Erneuerung entgegenkommt? Auf den Herrn harren, ihn sehnsüchtig erwarten, seine Botschaft hören und ein Zeichen von ihm erwarten. Gespannt sein und neugierig sein. Harren als Körperspannung, als Lebenshaltung. Den Zuspruch der Taufe im Rücken: Du bist mein geliebtes Kind. Mit diesem Zuspruch immer nach vorne ausgerichtet. Den Ruf des Lebendigen an uns immer wieder neu hören: Was ist jetzt meine Aufgabe und wozu bin ich da? Solchem Harren wachsen Flügel, Flügel der Kraft, die mich über Schwierigkeiten hinausbringen. Solchem Harren fließen Kräfte zu, so dass ich durchhalten kann im Lauf der täglichen Anforderungen. Der Gott des Himmels und der Erde wird nicht müde noch matt, der Auferstandene teilt seine Lebenskräfte aus – an uns, denen uns die Kräfte immer wieder abhandenkommen.

Woher kommt meine Kraft? Meine Hilfe kommt vom HERRN, der Himmel und Erde gemacht hat. (Ps 121,2)

Selig sind, die nicht sehen und doch glauben! (Joh 20,29)

Amen.

Titelfoto medio.tv/schauderna