PREDIGT

PREDIGT

In unregelmäßigen Abständen veröffentlichen hier verschiedene Prediger ihre in der Friedenskirche (und Apostelkapelle) gehaltenen Kanzelreden.

 

PREDIGT ZUR KONFIRMATION
Miserikordias Domini, 15. April 2018
10.30 Uhr Friedenskirche

Pfarrer Matthias Meißner
Predigttext: Matthäus 5,43-48

 

Jesus sagt: 43 Ihr habt gehört, dass gesagt ist: „Du sollst deinen Nächsten lieben“ (3.Mose 19,18) und deinen Feind hassen. 44 Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen, 45 auf dass ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel. Denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte.
46 Denn wenn ihr liebt, die euch lieben, was werdet ihr für Lohn haben? Tun nicht dasselbe auch die Zöllner? 47 Und wenn ihr nur zu euren Brüdern freundlich seid, was tut ihr Besonderes? Tun nicht dasselbe auch die Heiden? 48 Darum sollt ihr vollkommen sein, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist.

 

Familienfest
Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden!
Heute erreicht ihr eine wichtige Station auf eurem Lebensweg. Aus den Kinderschuhen seid ihr herausgewachsen und ihr nähert euch der Welt der Erwachsenen an. Das Jahr der Konfirmation habt ihr erfolgreich hinter euch gebracht mit Freizeit, Weihnachtsspiel, Vorstellungsgottesdienst und Gottesdienstbesuchen. Die meisten von euch sagen, dass es für sie eine gute Zeit war. Ihr habt ehemalige Kameradinnen und Kameraden aus der Grundschulzeit wiedergetroffen oder habt ganz neue Freundschaften geknüpft. Heute feiert eure Familie mit euch ein Fest. Die Verwandten sind euretwegen gekommen, ihr steht im Mittelpunkt. Ihr seid schick angezogen und nachher gibt es ein festliches Essen. Und dass ihr dazu noch Geschenke und Geldgeschenke bekommt, ist eine tolle Sache.

Der Vater
Ein Jahr sind wir auf den Spuren des Glaubens unterwegs gewesen. Beim Vorstellungsgottesdienst habt ihr euch mit dem Thema Familie beschäftigt. Wir haben uns angeschaut, wie Jesus in seiner Familie aufgehoben war. Als 12-Jähriger ist er beim Passafest in Jerusalem einfach im Tempel geblieben, während seine Eltern schon wieder auf dem Heimweg waren und ihn dort vermissten. Seine Begründung, als er zur Rede gestellt wird: Ich muss bei meinem Vater sein. Und später, als er mit seinen Freundinnen und Freunden zusammensitzt und seine Mutter und seine Schwestern ihn aus seiner Clique rausholen wollen, zeigt er in die Runde seiner Freunde und sagt: Das ist meine Mutter und das sind meine Brüder und Schwestern. Also Jesus war gar nicht so der ausgesprochene Familientyp. Auffällig ist, dass Jesus oft von seinem Vater redet, damit aber nie den Josef meint. Wenn Jesus von Vater redet, dann meint er fast immer seinen Vater im Himmel, und den redet er liebevoll und in einer vertrauensvollen Weise an: abba, Papa.

Kurz vor den Osterferien haben wir euch gefragt: Wie sieht das bei euch aus mit euren Vätern?
Was schätzt du bei deinem Vater und was vermisst du bei ihm? Eure Antworten sind breit gestreut: Sie reichen von „Ich kenne meinen leiblichen Vater nicht sehr gut und vermisse ihn auch nicht“ bis hin zu: „Mein Vater ist perfekt, er ist immer besser drauf als meine Mutter. Wir machen coole Dinge und er ist immer für mich da.“ Zu der Frage, was einen guten Vater auszeichnet, habt ihr Folgendes genannt:
Ein guter Vater ist freundlich, fürsorglich, hilfsbereit, hat Verständnis, ist stark und hat Humor.
Der Vater soll verlässlich sein und Verantwortungsbewusstsein haben, Interesse an seinen Kindern haben und ihnen Aufmerksamkeit schenken, sie respektieren, wertschätzen und sie unterstützen und liebevoll sein.
Er soll nicht alles durchgehen lassen, aber auch nicht zu streng sein.
Er soll auch für Geld sorgen und dafür, dass ich Spiele bekomme (wahrscheinlich Spiele ab 16 oder ab 18 Jahren).
Er sollte Autorität besitzen und ein Vorbild sein.
Er darf keinen der Geschwister mehr lieben.
Manche wünschen sich, dass er seine Laune besser unter Kontrolle bekommt.

Die Feinde lieben
In seiner Bergpredigt lädt uns Jesus ein, unsere Feinde zu lieben, dabei bezieht er sich auf seinen Vater. Wir haben den Text eben als Lesung gehört. Malte Gutsch und Jano Tolle haben sich das Wort als Konfirmationsspruch ausgesucht:
Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen, auf dass ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel. Denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte.

Im Kern des Christentums
Mit dem Gebot, nicht nur die Freunde, sondern auch die Feinde zu lieben, befinden wir uns im Kern der Botschaft von Jesus, im Kern des Christentums. Die Feindesliebe ist geradezu das Aushängeschild der christlichen Religion. Aber gerade dieser Auftrag, die Feinde zu lieben, erscheint uns schwer oder sogar unmöglich. Ich liebe die Menschen in meiner Familie, Mutter und Vater, Bruder und Schwester, Oma und Opa, auch den Hund oder die Katze, meine beste Freundin oder meinen besten Freund. Aber die Zicke, die mir meinen Freund ausgespannt hat, oder der Typ, der hinter meinem Rücken schlecht über mich redet oder die Lehrerin, die mich auf dem Kieker hat: den lieben, die lieben? Wie soll das gehen. Lieber Jesus, hier verlangst du nun wirklich zu viel!

Die Sonne aufgehen lassen
Jesus sagt: Ihr seid Kinder eures Vaters im Himmel. Durch die Taufe gehört ihr zu ihm. Ihr könnt von ihm lernen. Seht euch doch an, wie er sich in dieser Sache verhält: Er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte. Jeder von uns  braucht das Licht und die Wärme der Sonne, damit er leben kann. Jeder von uns braucht den Regen, damit unsere Nahrung wachsen kann. Jeder braucht den Segen, damit er gut durchs Leben kommt. Das geht gar nicht, dass Gott seine  Sonne nur für die Menschen aufgehen lässt, die gut sind. Dann würde die Sonne gar nicht mehr scheinen. Es würde gar nicht mehr regnen. Und es irrten alle ohne Segenskraft durchs Leben. Und weiß ich genau, ob ich zu den Guten oder den Bösen gehöre? Ich selber halte mich vielleicht für ok, aber sehen das die anderen auch so? Und wie sieht Gott mich? Nein, das ist schon gut und macht Sinn: Gott lässt seine Sonne für alle aufgehen, er macht keinen Unterschied. Er schenkt uns allen das Recht zu leben, egal was wir getan oder nicht getan haben.

Ent-feindung
So sollst du es auch machen, sagt Jesus, wie der gute himmlische Vater. Auch den Menschen, mit dem du Probleme hast, sollst du lieben, nicht im Sinne von sympathisch finden und emotional mögen. Aber du kannst dein Gegenüber wertschätzen, achten und fair behandeln.
Vielleicht gibt es in eurer Schule ausgebildete Streitschlichter. Bei einer Streitschlichtung muss jeder Partner noch einmal mit eigenen Worten wiederholen, was der andere zum Konflikt gesagt hat und auf diese Weise genau auf den anderen hören. Das kann viel in Bewegung bringen. Jeder Mensch, der das Gefühl hat, dass man ihm zuhört, wird sehr empfänglich, fühlt sich geachtet und wertgeschätzt. Wenn beide Parteien auf diese Weise erfahren, dass sie ihre Meinung sagen dürfen und nicht befürchten müssen vernichtet zu werden, dann ist für die Ent-feindung schon eine Menge getan.

Vollkommen sein
Darum sollt ihr vollkommen sein wie euer himmlischer Vater vollkommen ist. Vollkommen sollen wir sein. Ich weiß nicht, ob ich das schaffe. Aber die Religion erwartet auch etwas von mir. Und nicht nur heute, sondern Stück für Stück auf meinem Weg. Ich bin jetzt über 30 Jahre Pfarrer. Aber ich kann nicht für mich sagen, dass ich es schon begriffen und geschafft hätte. Nein, an solchen Dingen wie den Feind zu lieben, lerne ich nie aus. Auch mein Vertrauen, dass es Gott gut mit mir meint und dass ich versuche nach den guten Geboten Gottes zu leben, muss ich in meinem Leben immer wieder bewähren. Und ich bin überzeugt, dass auch ihr, liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, daran wachsen werdet. Je länger desto mehr seid ihr nun für eure Entscheidungen und Taten verantwortlich. Und ich wünsche euch, dass der Zuspruch und der Anspruch eurer Taufe euch auf eurem Weg segensreich begleitet:
Ich bin getauft. Ich bin Gottes geliebtes Kind. Ich lebe, um Gottes Liebe mit meinen Mitmenschen um mich herum zu teilen. Ich bin dazu da, für Verständigung und Frieden zu sorgen. Darum sollt ihr vollkommen sein wie euer himmlischer Vater vollkommen ist. Er lässt seine Sonne über Böse und Gute aufgehen.

Amen.

Titelfoto medio.tv/schauderna