PREDIGT

PREDIGT

In unregelmäßigen Abständen veröffentlichen hier verschiedene Prediger ihre in der Friedenskirche (und Apostelkapelle) gehaltenen Kanzelreden.

 

PREDIGT
Letzter Sonntag nach Epiphanias, 28. Januar 2018
9.00 Uhr Apostelkapelle und 10.30 Uhr Friedenskirche

Gottesdienste zur Eröffnung der Ökumenischen Bibelwoche

Pfarrer Matthias Meißner
Predigttext: Hoheslied 3,1-5

 

1 Des Nachts auf meinem Lager suchte ich, den meine Seele liebt. Ich suchte, aber ich fand ihn nicht. 2 Ich will aufstehen und in der Stadt umhergehen auf den Gassen und Straßen und suchen, den meine Seele liebt. Ich suchte, aber ich fand ihn nicht. 3 Es fanden mich die Wächter, die in der Stadt umhergehen:Habt ihr nicht gesehen, den meine Seele liebt?“ 4 Als ich ein wenig an ihnen vorüber war, da fand ich, den meine Seele liebt. Ich hielt ihn und ließ ihn nicht los, bis ich ihn brachte in meiner Mutter Haus, in die Kammer derer, die mich geboren hat. 5 Ich beschwöre euch, ihr Töchter Jerusalems, bei den Gazellen oder bei den Hinden auf dem Felde, dass ihr die Liebe nicht aufweckt noch stört, bis es ihr selbst gefällt.

 

Liebe Gemeinde!
Liebende stört man nicht. In poetischer Sprache malt uns das Lied der Lieder ein Bild von Liebenden vor Augen. Sie wollen in diesem Moment nichts anderes als sich. Wir sehen sie vor unserem inneren Auge, vielleicht erkennen wir uns in ihnen wieder. Die Liebenden brauchen den geschützten Raum und ihre Zeit. Sie wissen selbst, wann sie wieder voneinander lassen und sich anderen zuwenden können. Stört sie nicht, weckt sie nicht auf.

Das Hohelied im Alten Testament gehört ganz den Liebenden. Es erzählt von der Schönheit des Freundes und der lieblichen Gestalt der Freundin, von verzehrender Sehnsucht und glücklichem Finden, von Liebe köstlich wie Wein, von Lippen wie Milch und Honig, von Erwartung und Verlangen, vom Kranksein vor Liebe, von Liebe so stark wie der Tod. Mit all unseren Sinnen hören, riechen und schmecken wir die Worte und Bilder. Auch wenn die Vergleiche manchmal schwer nachzuvollziehen sind, weil wir keine Anschauung haben z. B. von Zyperblumen oder Granatbäumen, so spüren wir doch den Reiz ihrer Schönheit.

Lied der Lieder, Liebeslieder. In unserem Abschnitt spricht die Frau von ihrer Sehnsucht nach ihrem Geliebten: 1 Des Nachts auf meinem Lager suchte ich, den meine Seele liebt. Ich suchte, aber ich fand ihn nicht.  2 Ich will aufstehen und in der Stadt umhergehen auf den Gassen und Straßen und suchen, den meine Seele liebt. Ich suchte, aber ich fand ihn nicht.  Die Sehnsucht meldet sich besonders stark in der Nacht. Sie nimmt den Schlaf, macht unruhig und lässt die Seele auf den Straßen umherirren. Besonders junge Menschen, die sich noch nicht gefunden haben, kennen die Kraft dieser Anziehung, aber auch den Schmerz, wenn sie unerfüllt ist. Was für eine Enttäuschung steckt in der zweimaligen Bemerkung, den Geliebten nicht zu finden.

3 Es fanden mich die Wächter, die in der Stadt umhergehen. Habt ihr nicht gesehen, den meine Seele liebt?“ Als ich ein wenig an ihnen vorüber war, fand ich, den meine Seele liebt. Finden geschieht manchmal ganz unvermittelt. Kurz nach der Begegnung mit den Wächtern der Nacht findet die Seele ihren Geliebten. Voller Glück hält sie ihn nun fest und lässt ihn nicht mehr los. Sie bringt ihn in das Haus ihrer Mutter. Die Liebenden ziehen sich an wie die Pole der Magneten. Sie werden eins und kommen dadurch zu sich selbst, werden ganz und heil. Im Einswerden erneuern sich die Kräfte der Schöpfung. Da kommt zusammen, was zusammen gehört. Das ist die Begeisterung, die aus den Worten von Adam in der Schöpfungserzählung spricht, als er seine Frau zu sich nimmt: Die ist nun Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch (1 Mos 2,23).

Lied der Lieder, Liebeslieder – warum in der Bibel? Weil die Liebe von Gott ist und weil Gott sie uns als die stärkste Lebenskraft schenkt. Wir dürfen sie genießen. In dieser Kraft erfahren wir etwas von Gott, von seinem Wesen. In unserer menschlichen Liebe teilt sich etwas von SEINER Liebe mit, mit der er die Welt, dich und mich und alle Lebewesen ins Dasein gerufen hat und erhält. Gott ist die Liebe. Wenn wir von der Liebe ergriffen sind, werden wir auch vom Geheimnis Gottes berührt.

Noch weiter können wir das Lied der Lieder deuten: Die Sehnsucht der Seele spricht nicht nur zum geliebten Mann oder zur geliebten Frau. Die Seele sehnt sich auch nach Gott, nach ihrem Ursprung, nach ihrem himmlischen Bräutigam. An ihn richten sich die Worte der Bewunderung und der Liebe. So können wir zahlreiche Stellen aus dem Hohenlied auch als Ausdruck der Liebe des Menschen zu Gott lesen, als Gebet, als Lobpreis.

Und wir können es sogar von der anderen Richtung her sehen: Die Stimme im Hohenlied, die dich als schön und begehrenswert preist, die dich lockt aufzustehen und in den Garten zu kommen, die bei dir anklopft, damit du deine Tür öffnest, die ist Gottes Stimme. Gott verzehrt sich nach dir in Sehnsucht und wartet auf deine Antwort. Immer wieder ist das Hohelied der Geschichte seiner Auslegung in diesem Sinne gedeutet worden, dass Gott als Liebhaber zu seinem Volkes Israel spricht oder der Bräutigam Christus zu seiner geliebten Gemeinde.

„Alles beginnt mit der Sehnsucht“ – ein Gedicht von Nelly Sachs:

Alles beginnt mit der Sehnsucht
immer ist im Herzen Raum für mehr,
für Schöneres, für Größeres.
Das ist des Menschen Größe und Not:
Sehnsucht nach Stille,
nach Freundschaft und Liebe.
Und wo Sehnsucht sich erfüllt,
dort bricht sie noch stärker auf.
Fing nicht auch
Deine Menschwerdung, Gott,
mit dieser Sehnsucht nach dem Menschen an?
So lass nun unsere Sehnsucht
damit anfangen, Dich zu suchen,
und lass sie damit enden,
dich gefunden zu haben.

Sehnsucht ist die Triebfeder zwischen den Liebenden, zwischen mir und dir und zwischen mir und Gott. Menschen machen sich auf um Gott zu suchen: Die Weisen aus dem Morgenland machen sich auf die Reise und folgen dem Stern. Über mich selbst hinausgehen, meine Grenzen, meine Angst überwinden und Lebendigkeit suchen, den Lebenssinn, die Tätigkeit, die zu mir gehört. Gott finden und dabei zu mir selbst kommen, Frieden finden. In der Gewissheit, dass vor meinem Suchen und Finden Gott mich schon längst gesucht und gefunden hat, dass er mich schon längst gewollt und geliebt hat, dass er schon in meinem Herzen ist, bevor mein Herz sich für ihn öffnet.

Liebe Gemeinde, es ist sicher ein schmaler Grat, wenn unsere menschlichen Formen der Liebe zum Bild für Gottes Beziehung zu uns werden. Aber gehören das Lieben und das Sehnen nach Einswerden nicht auch in die Beziehung zu Gott hinein? Die Mystikerinnen und Mystiker sehnen sich nach dem Einssein mit Gott. Erschöpft sich unsere Gottesbeziehung darin, uns für unseren Mitmenschen zu engagieren oder für eine gerechte Welt zu sorgen? Ist da nicht noch mehr? Gott lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft (5 Mos 6,4), heißt es im „Höre-Israel“ im 5. Mosebuch. Solche Sehnsucht nach Gott schließt mein Engagement für meinen Nächsten ja nicht aus, sondern begründet es erst. Bevor ich gebe, teile und austeile, darf ich selber Liebe und Kraft empfangen.

Ich wünsche uns, dass wir im gemeinsamen Lesen des Hohenlieds etwas von der Liebe Gottes zu uns und untereinander erspüren.

Der Kirchenvater Aurelius Augustinus hat in der Sehnsucht nach Gott den Grundmotor seines Lebens gefunden: „Geschaffen hast du uns auf dich hin, o Herr, und unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in dir.“
Amen.

Titelfoto medio.tv/schauderna