PREDIGT

PREDIGT

In unregelmäßigen Abständen veröffentlichen hier verschiedene Prediger ihre in der Friedenskirche (und Apostelkapelle) gehaltenen Kanzelreden.

PREDIGT
Silvester, 31. Dezember 2017
10.30 Uhr Friedenskirche

Pfarrer Matthias Meißner
Predigttext: Matthäus 6,9-13

Liebe Gemeinde!

Die Engel Gottes haben uns in diesem ausgehenden Jahr begleitet und bewahrt. Sie haben uns durch glückliche und schwierige Zeiten hindurch geleitet. Was wäre, wenn ihr Schutz nicht da gewesen wäre? Welcher Unfall wäre passiert, welcher Anschlag nicht verhindert worden? Aber auch Leid und Schweres waren zu bestehen. Manchen hat das vergangene Jahr etwas genommen. Manchmal drohte der Mut auszugehen, vielleicht stand auch unser Vertrauen auf Gottes Güte auf dem Spiel und eine Anfechtung war zu bestehen. Wir blieben bewahrt.

Vom Schutz der Engel umgeben. Im vergangenen Jahr konnten wir das hier im Raum der Friedenskirche bildlich erleben. Im Rahmen der Ausstellung der Lutherfester haben wir mit Folien die ursprünglich in den Seitenfenstern befindlichen Vaterunser-Engel präsentiert. Sie haben so gut gefallen, dass wir die Ausstellung bis jetzt zum Jahresende verlängert haben. Die im Jugendstil dargestellten Engel wirken erhaben und tragen jeweils eine Vaterunserbitte. Die Engel bringen Botschaften des Himmels zu uns auf die Erde: Euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids (Lk 2,11). Aber die Botschaft geht auch in die umgekehrte Richtung. Sie bringen unsere Gebete vor Gott. Das Vaterunser, das Gebet Jesu, ist das wichtigste Gebet der Christenheit. Es umspannt die Welt. Irgendwo auf der Welt wird immer ein Vaterunser gebetet. In der Aura dieses Gebetes sind wir geschützt.

Bettina Schüpke, Linnemann-Archiv Frankfurt a.M.

Papst Franziskus hat vor kurzem eine anhaltende Diskussion zur Vaterunserbitte Und führe uns nicht in Versuchung  ausgelöst. Die in Frankreich von den Bischöfen mittlerweile geänderte Übersetzung „Lass uns nicht in Versuchung geraten“, träfe es besser. Zur Begründung: Gott führt nicht in Versuchung. Ein Vater mache so etwas nicht. „Ein Vater hilft sofort wieder aufzustehen. Wer dich in Versuchung führt, ist Satan“ (HNA 11.12.2017). Die Übersetzung aus dem griechischen Urtext des Neuen Testaments ist zwar korrekt, aber Jesus hat Aramäisch gesprochen, und so könnte der originale Wortlaut von Jesus durchaus lauten „Lass uns nicht in Versuchung geraten“ oder „Führe uns aus der Versuchung“. Die Einwendung des Papstes hat eine intensive Diskussion ausgelöst. Auf welche Seite man sich auch stellt, gut finde ich, dass man über ein religiöses Thema wieder einmal engagiert diskutiert.

Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Die Bitte um die Bewahrung in der Versuchung ist eng mit der Bitte um die Erlösung vom Bösen verknüpft. Und im ausgehenden Jahr 2017 ist diese vielleicht die aktuellste Bitte, die uns bewegt. Das Böse in der Gestalt von Terrorismus, Krieg und Gewalt schreckt uns. Am 19. Dezember jährte sich der Terroranschlag auf den Weihnachtsmarkt an der Berliner Gedächtniskirche. Beachtlich fand ich die Rede unseres Bundespräsidenten Frank Walter Steinmeier, der sagte: „‚Wir lassen uns nicht einschüchtern‘, hieß es schon am Abend des Anschlages, ‚… Wir leben weiter wie bisher, jetzt erst recht.‘ … Weitermachen wie bisher…, das wirkte wie … der allzu routinierte Versuch, den Schock zu unterdrücken, statt ihn auszuhalten, statt innezuhalten, um die Trauer und den untröstlichen Schmerz auch öffentlich zuzulassen.“ (Berliner Morgenpost 20.12.2017)

Mit der Bitte erlöse uns von dem Bösen halten wir inne. Mit dieser Bitte gehen wir erst einmal in einen Raum der Stille. Wir wenden uns an Gott und bringen unser Mitgefühl für die Opfer und unsere eigene Betroffenheit vor Gott. Wir setzen uns unserer Ohnmacht aus und bekennen, dass wir mit unseren Mitteln menschlicher Gewalt das Böse oder den Bösen nicht überwinden können. Gott ist es, der dem Bösen Einhalt gebieten kann. Seine Engel halten Wacht und sorgen dafür, dass die Pläne des Bösen scheitern.

Erlöse und von dem Bösen, wer so betet, bekennt auch, dass das Böse nicht nur da draußen ist und wir es nicht nur auf Schuldige projiziert werden kann, sondern dass das Böse in mir selbst ist. Beten um die Erlösung vom Bösen ist mit Einkehr, Selbstprüfung und Buße verbunden. In der Bitte schließe ich mich ein, dass Gott mich von meinem Hass, von meinem Neid und meinem Geltungsdrang befreit.

Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Im Übergang ins neue Jahr werden gerne gute Vorsätze gefasst. Welches sind deine Versuchungen, deine persönlichen Schwachstellen, bei denen du gerne widerstehen, bei denen du selbstbewusst und stark sein möchtest? In geistlicher Hinsicht ist es die größte Versuchung, ohne Gott zu leben zu wollen, ohne den Glauben, ohne das Vertrauen auf die Hand, die mich hält und führt. Stattdessen: Ich bin mein eigener Herr. Ich habe mein Leben selbst in der Hand. Ich mache, was ich mir ausdenke. Das Böse entsteht nicht zufällig in der Welt. Es entsteht, wenn wir der Versuchung nicht standhalten. Das Böse ist auch das Resultat der ungezählten Versuchungen, sein zu wollen wie Gott.

Was hilft gegen die Versuchung, sein zu wollen wie Gott? Beten. Im Vaterunser steht dem Bösen die Bitte um Gottes Reich entgegen. Dein Reich komme. Gemeint ist nicht das Reich Gottes, das am Ende der Zeit kommt, sondern Gottes Reich hier und jetzt. Verborgen ist es unter uns schon da. Bisher Verfeindete reichen einander die Hand und können wieder miteinander arbeiten. Ein Verletzter kommt aus seiner Opferrolle raus und vergibt seinem Peiniger. Ein Abhängiger kommt heraus aus der Berückung seiner Sucht. Dein Reich komme … Erlöse uns von dem Bösen. Gottes Reich, das ist wie das Samenkorn der Hoffnung, das schon gekeimt und Wurzeln geschlagen hat. Es ist noch nicht ganz deutlich, was aus dem Korn des Anfangs werden wird. Aber es ist gewiss, dass Neues wachsen wird, dass das Korn sich zur Pflanze entwickeln wird.

Gott wird dich in seiner Liebe halten. Das, liebe Gemeinde, ist die Botschaft beim Übergang in das neue Jahr. Was kommen wird, liegt noch im Dunkeln verborgen. Aber was wir brauchen, ist kommend schon da.

So bitten wir im Vaterunser um unsere Grundbedürfnisse, um das tägliche Brot, um das Brot des morgigen Tages, um das, was wir täglich zum Leben brauchen: Kleidung und Nahrung, manchmal ist es ein klärendes Gespräch, ein anerkennendes Wort, ein liebender Blick.

Und immer wieder brauchen wir Vergebung für das, was wir falsch gemacht haben. Ich habe jemandem Unrecht getan. Ich habe nicht geholfen. Jeden Tag lässt mich Gott wieder neu anfangen, reinigt und befreit mich von der Last, die auf mir liegt. Und wenn Gott mich so von der Last der Schuld befreit, dann verhalte ich mich gegenüber meinem Mitmenschen genauso.

Gott kann vom Bösen und von der Schuld befreien. Ihm vertrauen wir uns an. Seine Engel leiten uns in ein neues Jahr. Sie umgeben uns mit ihrer Kraft, sie bitten für uns:

Geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme.

Dein Wille geschehe.

Unser täglich Brot gib uns heute.

Vergib uns unsere Schuld

wie wir vergeben unseren Schuldigern.

Führe uns nicht in Versuchung.

Erlöse uns vom Übel.

Gott schenke uns ein behütetes und gnädiges Jahr. Amen.

 

Titelfoto medio.tv/schauderna