PREDIGT

PREDIGT

In unregelmäßigen Abständen veröffentlichen hier verschiedene Prediger ihre in der Friedenskirche (und Apostelkapelle) gehaltenen Kanzelreden.

PREDIGT
Drittletzter Sonntag, 12. November 2017
9.00 Apostelkapelle und 10.30 Uhr Friedenskirche

Pfarrer Matthias Meißner
Predigttext: Lukas 6,27-38

 

Liebe Gemeinde!

Am vergangenen Sonntag hat der 26-jährige David Patrick Kelley in Sutherland Springs in Texas in einer Baptisten-Kirche 26 Menschen erschossen, darunter auch ein fünfjähriges Kind und auch die Tochter des Pastors. Als Motiv des Täters werden Familienstreitigkeiten angenommen. Präsident Trump sprach von einer Tat des Bösen. Wie würden wohl die Christinnen und Christen des kleinen texanischen Ortes die Worte Jesu hören, die uns heute für die Predigt aufgegeben sind und die als Hintergrund die Erfahrung von Verfolgung und Drangsal haben?

Ich lese aus Lukas 6:
27 Aber ich sage euch, die ihr zuhört: Liebt eure Feinde; tut wohl denen, die euch hassen; 28 segnet, die euch verfluchen; bittet für die, die euch beleidigen. 29 Und wer dich auf die eine Backe schlägt, dem biete die andere auch dar; und wer dir den Mantel nimmt, dem verweigere auch den Rock nicht. 30 Wer dich bittet, dem gib; und wer dir das Deine nimmt, von dem fordere es nicht zurück. 31 Und wie ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, so tut ihnen auch!
32 Und wenn ihr liebt, die euch lieben, welchen Dank habt ihr davon? Denn auch die Sünder lieben, die ihnen Liebe erweisen. 33 Und wenn ihr euren Wohltätern wohltut, welchen Dank habt ihr davon? Das tun die Sünder auch. 34 Und wenn ihr denen leiht, von denen ihr etwas zu bekommen hofft, welchen Dank habt ihr davon? Auch Sünder leihen Sündern, damit sie das Gleiche zurückbekommen. 35 Vielmehr liebt eure Feinde und tut Gutes und leiht, ohne etwas dafür zu erhoffen. So wird euer Lohn groß sein, und ihr werdet Kinder des Höchsten sein; denn er ist gütig gegen die Undankbaren und Bösen.
36 Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist. 37 Und richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verdammt nicht, so werdet ihr nicht verdammt. Vergebt, so wird euch vergeben.
38 Gebt, so wird euch gegeben. Ein volles, gedrücktes, gerütteltes und überfließendes Maß wird man in euren Schoß geben; denn eben mit dem Maß, mit dem ihr messt, wird man euch zumessen.

Man hat Gott sei Dank nicht auf uns geschossen. Aber Anfeindungen oder Skepsis gegenüber Christen kann man auch in unserer Stadt erleben. Bei der Verteilung unseres Gemeindebriefs gibt es immer wieder Ärger, obwohl wir darauf achten, dass diejenigen, die unseren Gemeindebrief nicht haben wollen, ihn auch nicht bekommen. Ein älterer Mitarbeiter wurde schon einmal unter Beschimpfungen eines Bewohners aus dem Hausflur herausgeschubst. Einer beschwerte sich bei mir telefonisch darüber, dass sein Briefkasten trotz entsprechender Aufschrift von uns bedient worden war. Er behandelte mich wie einen Straftäter und forderte mich dazu auf, die Kosten für die Entsorgung des Gemeindebriefs zu tragen und drohte gerichtliche Schritte an. Ich bot ihm an, den Gemeindebrief persönlich bei ihm abzuholen, was er leider nicht angenommen hat. Das ist schon so schrill, dass man darüber schon wieder schmunzeln muss. Und genauso hat es Jesus vielleicht gemeint mit dem Hinhalten der anderen Backe. Wenn du schon einen Schlag einstecken musst, dann halte auch die andere Backe hin. So bleibst du handlungsfähig und kannst deinem Angreifer mit gewaltfreien Mitteln etwas entgegensetzen. Vielleicht ist dein Gegenüber so überrascht, dass er von dir ablässt. Ein Erfolgsrezept mit Garantie ist das natürlich nicht.

Liebt eure Feinde; tut wohl denen, die euch hassen;  28 segnet, die euch verfluchen; bittet für die, die euch beleidigen. Jesus ermutigt uns, Gutes, Gebete und Segen gegen den Hass zu setzen. Der Segen, den wir weitergeben, spricht gut und macht gut. Die Liebe zu den Feinden kann die Welt vom Bösen reinigen – zumindest ein wenig. Die Christen in Ägypten, die Kopten, beseitigen in der Riesenmetropole Kairo die Straßen von stinkendem Müll und Schmutz. Die Angehörigen der christlichen Minderheit haben sonst keine anderen Erwerbsmöglichkeiten, vielen fehlt eine richtige Schulbildung. Nur der Müll der anderen gibt ihnen Arbeit, wofür sie von den anderen oft verachtet werden. Kairo würde ohne die Kopten im Dreck ersticken. Etwas Ähnliches geschieht auf der spirituellen Ebene, wenn Christen segnen und beten. Dadurch wird der Hass abgefedert und zum Teil zum Guten verwandelt. Dank Gottes Zuwendung können wir das Negative und Scheußliche in sein Gegenteil umwandeln. Dafür sind wir als Christen in der Welt da. Das ist unser Auftrag und unsere Arbeit in der Welt und für die Welt.

Trotzdem bleibt es eine große Herausforderung, den Feind zu lieben. Kann ich das? Will ich das? In der Auseinandersetzung mit Feinden erleben wir starke Gefühle wie Angst, Wut und Hass. Das deutet auf eine enge Bindung hin. Oft tragen wir dabei ungelöste Konflikte mit wichtigen Menschen aus unserer Vergangenheit in unsere Gegenwart hinein. Dann verlagern wir alte Kämpfe mit unseren Eltern, mit unserer Schwester, mit unserem Bruder oder mit einem früheren Lebenspartner in den Kampf mit einer Person in unsere Gegenwart. Der Feind, die Feindin ist oft der Andere, die Andere in uns, ein Teil unserer Persönlichkeit, den wir nicht so gern an uns selbst mögen und im anderen bekämpfen.

Den Feind zu lieben bedeutet zuerst einmal zu versuchen, von der emotionalen Verstrickung Abstand zu gewinnen. Ihn zu lieben bedeutet nicht, dass ich für ihn Sympathien empfinden muss. Ich will auch noch nicht voreilig von Versöhnung sprechen, sondern etwas neutraler von Ent-feindung. Sie fängt damit an zu akzeptieren, dass mein Feind anders ist als ich, dass er oder sie anders denkt, anders handelt und keine Verlängerung meiner eigenen Ansichten ist.

Ein weiterer Schritt könnte das Bemühen sein, die Motive des Feindes zu verstehen. Warum denkt und handelt der andere so? Bei der professionellen Streitschlichtung muss jeder Partner noch einmal mit eigenen Worten wiederholen, was der andere zum Konflikt gesagt hat und auf diese Weise genau auf den anderen hören. Das kann viel in Bewegung bringen. Jeder Mensch, der das Gefühl hat, dass man ihm zuhört, wird sehr empfänglich, fühlt sich geachtet und wertgeschätzt. Wenn beide Parteien auf diese Weise erfahren, dass sie in ihrer Unterschiedlichkeit sein dürfen, dass sie ihre eigenen Ansichten behalten dürfen und dass sie nicht befürchten müssen vernichtet zu werden, dann ist für die Ent-feindung schon eine Menge getan.

Seid barmherzig wie auch euer Vater im Himmel barmherzig ist. Gottes Barmherzigkeit ist uns immer voraus. Jesus lädt uns ein, es Gott gleich zu tun und barmherzig zu sein: Erbarmen zu haben, ein Herz zu haben und für unser Tun nichts zurückerwarten. Gott gibt im Überschuss, so sollt ihr es auch machen. Wenn ihr bei  euren guten Taten erwartet, dieselben auch wieder zurückzubekommen, dann unterscheidet ihr euch nicht von den normalen Leuten. Nein, indem ihr euren Feind liebt, Gutes tut und leiht, ohne etwas dafür zurückzuerwarten, gibt Gott euch seinen Lohn und macht euch zu seinen Kindern.

Jesus hat sich selbst so verhalten. Als er im Garten Gethsemane verhaftet wird, lässt er es nicht zu, dass seine Jünger mit dem Schwert reinhauen will (Lk 22,49-51). Wenn er das wollte, könnte er seinen Vater bitten, dass er ihm Tausende kampfbereite Engel schickt (Mt 26,53).

Gott stellt sich an die Seite seines Sohnes. Er rächt sich nicht an denen, die für den Tod seines Sohnes verantwortlich sind. Gott beantwortet den Hass der Menschen mit Liebe. Er sagt: Jetzt liebe ich euch erst recht. In der Auferweckung seines Sohnes von den Toten bestätigt er ihn und stiftet durch seine Hingabe am Kreuz Frieden und Versöhnung. Mit seinen Worten von der Feindesliebe beschreibt Jesus den Kern seines Erlösungswerks: Hass wird in Liebe verwandelt. Jesus lädt uns ein, an dieser Versöhnung teilzuhaben an unserem Ort und mit den Menschen unserer Umgebung: Liebt eure Feinde; tut wohl denen, die euch hassen;  28 segnet, die euch verfluchen; bittet für die, die euch beleidigen… 36 Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist. 

Amen.

 

Foto: medio.tv/schauderna