PREDIGT

PREDIGT

In unregelmäßigen Abständen veröffentlichen hier verschiedene Prediger ihre in der Friedenskirche (und Apostelkapelle) gehaltenen Kanzelreden.

PREDIGT
12. Sonntag nach Trinitatis, 3. September 2017
9.00 Apostelkapelle und 10.30 Uhr Friedenskirche

Pfarrer Matthias Meißner
Predigttext: Apostelgeschichte 3,1-10,3

Petrus aber und Johannes gingen hinauf in den Tempel um die neunte Stunde, zur Gebetszeit. Und es wurde ein Mann herbeigetragen, der war gelähmt von Mutterleibe an; den setzte man täglich vor das Tor des Tempels, das da heißt das Schöne, damit er um Almosen bettelte bei denen, die in den Tempel gingen. Als er nun Petrus und Johannes sah, wie sie in den Tempel hineingehen wollten, bat er um ein Almosen. Petrus aber blickte ihn an mit Johannes und sprach: Sieh uns an! Und er sah sie an und wartete darauf, dass er etwas von ihnen empfinge. Petrus aber sprach: Silber und Gold habe ich nicht; was ich aber habe, das gebe ich dir: Im Namen Jesu Christi von Nazareth steh auf und geh umher!

Und er ergriff ihn bei der rechten Hand und richtete ihn auf. Sogleich wurden seine Füße und Knöchel fest, er sprang auf, konnte stehen und gehen und ging mit ihnen in den Tempel, lief und sprang umher und lobte Gott.

Und es sah ihn alles Volk umhergehen und Gott loben. Sie erkannten ihn auch, dass er es war, der vor dem Schönen Tor des Tempels gesessen und um Almosen gebettelt hatte; und Verwunderung und Entsetzen erfüllte sie über das, was ihm widerfahren war. Als er sich aber zu Petrus und Johannes hielt, lief alles Volk bei ihnen zusammen in der Halle, die nach Salomo genannt ist, und sie wunderten sich sehr.

Liebe Gemeinde!

In großen Städten wirken Bettler-Banden aus Osteuropa. Menschen mit sichtbaren körperlichen Behinderungen werden morgens mit Kleinbussen an verschiedene Orte in der Stadt gefahren, an denen Betteln erfolgreich ist. Abends werden sie wieder abgeholt und in menschenunwürdigen Behausungen gehalten. Am Ende bleibt den Bettlern von ihren Einnahmen fast nichts übrig, sie werden von ihren Hintermännern abgeschöpft. Dadurch sind sie in doppeltem Sinn Opfer: durch ihre körperliche Behinderung und dadurch, dass ihre Zuhälter sie rücksichtslos ausnutzen.

In einer ähnlichen Situation ist der Mann am Eingangstor zum Tempel. Er wird von Leuten täglich dorthin getragen und vor der Tür abgesetzt und soll von den Tempelbesuchern Almosen erbetteln.  So kann er trotz seiner Erwerbsunfähigkeit noch etwas zu seinem Lebensunterhalt beitragen.

In unserem Stadtteil betteln Menschen vor den Toren der Friedenskirche, der katholischen Kirche St. Maria, vor den Türen von EDEKA, Denn‘s, Roßmann und RHEIKA. Drinnen gibt es die Waren, draußen sind die Armen, die sich diese nicht leisten können. Ich will etwas kaufen oder habe etwas gekauft und treffe auf den Bettler, der nichts hat. Ich kann keinen gerechten Ausgleich schaffen, aber ich kann wenigstens ein Almosen geben. Im Übergangsbereich zum Tempel erzählt ein kunstvoll gestaltetes Tor von den Segenskräften, die im Inneren des Heiligtums zu finden sind: Segen für ein schönes Leben, für Gesundheit, Wohlstand und Glück. An diesem schönen verheißungsvollen Tor sitzt der Bettler mit seiner unschönen Behinderung. Er hat nicht bekommen, was wir zu finden hoffen, wenn wir durch dieses Tor schreiten. Wir spüren, dass wir Gesundheit und Glück nicht für uns allein beanspruchen können und geben ein Almosen. Und noch etwas: In das Innere des Heiligtums darf nichts Unreines kommen. Und das besteht vor allem in egoistischem, ungerechten Verhalten. Der Bettler weiß genau, dass die schöne Tür an unseren Gewissen arbeitet, dem Armen gegenüber unsere Tasche zu öffnen.

Entscheidend für alles Weitere ist das Spiel der Blicke. Die Initiative geht vom Bettler aus, er sieht Petrus und Johannes, wie sie in den Tempel hineingehen wollen. Er streckt seine Hand aus, bittet um Almosen. Wenn ich an einem Bettler vorbeigehen und es mir dabei einfach machen will, schaue ich ihn nicht an. Paulus und Johannes machen das Gegenteil, sie suchen den Blickkontakt mit dem Mann, blicken ihn intensiv an und fordern ihn auf, seinerseits sie anzuschauen. Und weil die Augen die Fenster zur Seele sind, öffnen dort am schönen Tor Petrus und Johannes das Tor zur Seele des gelähmten Mannes. Der Gelähmte blickt auf und bleibt noch in der Erwartung des gewohnten Ablaufs: Da will mir jemand etwas in die Hand geben. Aber es kommt anders:

Petrus führt weiter das Wort: Silber und Gold habe ich nicht; was ich aber habe, das gebe ich dir: Im Namen Jesu Christi von Nazareth steh auf und geh umher! Im helfenden Kontakt ist es wichtig zu klären, was ich geben kann und was nicht. Petrus kann nicht Silber und Gold geben, das hat er nicht. Er durchbricht die Erwartung des Gelähmten und gibt ihm etwas, das viel größer ist als Almosen und was noch kostbarer ist als Gold und Silber. Petrus ruft den Namen von Jesus Christus an, seine himmlische Macht und lässt die Kraft des Heiligen Geistes zu ihm fließen. Zum Wort kommt die Berührung hinzu, er ergreift ihn bei seiner rechten Hand und zieht ihn mit der Kraft des Auferstandenen in aufrechten Stand. Wer schon einmal das Bein gebrochen hatte oder eine OP überstanden hatte, kann nachempfinden, wie es ist, nach Krankheit und Schwäche wieder auf die Beine zu kommen. Die Füße und die Knöchel werden fest, der Hochgezogene springt auf, kann stehen und geht mit Petrus und Johannes durch das schöne Tor hinein in den Tempel. Er muss nicht mehr getragen werden. Auf fremde Hilfe und Almosen ist er nicht mehr angewiesen. Er muss nicht mehr nach oben schauen, wenn er seinen Mitmenschen begegnet. Er kann sich seinen Lebensunterhalt selbst verdienen. Er ist auferstanden in ein neues Leben. Wenn das kein Grund ist zu singen und zu tanzen, Gott zu loben!

Silber und Gold habe ich nicht; was ich aber habe, das gebe ich dir. Diese Geschichte aus dem Leben der ersten Christen, der noch ganz jungen Gemeinde erzählt, wozu die Kirche da ist: Was kann sie und was will sie geben? In der Kirche Jesu Christi ist die Macht seines Namens gegenwärtig. In der Kirche seines Geistes sind Heilungskräfte versammelt. In der Kirche der Getauften sind die Christen mit Geistesgaben beschenkt. Dazu gehört auch, andere gesund zu machen wie Jesus es getan hat. Andere aufrichten aus ihrem Elend, Gebeugte freimachen von Unterdrückung und Ausbeutung. Unsichere und Wankende fest machen und sie ermutigen, durch das schöne Tor in ein lebenswertes Leben zu gehen. Was ich aber habe, das gebe ich dir. Ich bitte euch, liebe Schwestern und Brüder zu bedenken: Was habe ich, das ich anderen geben kann, mit dem ich andere stärken,  fest machen und ermutigen kann? Was hat mit Jesus Christus als Gabe, als Talent anvertraut, das ich in seinem Namen einbringen kann und soll.

Der eben noch gelähmt war, geht umher und lobt Gott für seine großen Taten. Die Leute in der schönen Kirche sehen ihn. Und sie erkennen ihn, dass es derselbe ist, der tagein tagaus vor dem schönen Tor gesessen und um Almosen gebettelt hatte. Das kann ja nicht wahr sein. Das ist Auferstehung mitten im Leben, Befreiung von Sklaverei und Tod. Die Leute wundern sich sehr in ihrer schönen heilen Welt. Verwunderung und Entsetzen erfüllte sie über das, was ihm widerfahren war. In dieser Heilung liegt auch sozialer Sprengstoff: Wie kann es sein, dass der, der immer so tief unten war zu meinen Füßen, mir nun auf Augenhöhe begegnet? Das hat auch etwas Unheimliches. Wo Gottes Geist wirkt, gibt es Überraschungen: Der immer draußen war, kommt rein. Der um Asyl gebeten hat, ist mittendrin. Singt und springt in der Kirche. Was soll daraus noch werden? Die Zukunft der Kirche wird eine Kirche des Geistes sein. Keine Kirche des Geldes. Eine Kirche in der Vollmacht seines Namens. Eine Kirche in der Kraft seiner Auferstehung.

Was ich aber habe, das gebe ich dir. Amen.

Foto: medio.tv/schauderna